P O L E N Den Kopf sanft senken

Letzte Gedichte des großen Danksagers und Lobpreisers Zbigniew Herbert

Nicht viel wird bleiben Richard wirklich nicht viel / von der dichtung dieses wahnsinnsjahrhunderts sicherlich Rilke und Eliot / auch ein paar andre würdige schamanen die das geheimnis kannten / widerstandsfähige wörter gegen die wirkung der zeit zu beschwören" (An Ryszard Krynicki).

Zu den paar andren, deren Poesie Zbigniew Herbert Haltbarkeit attestierte, zählte zweifellos er selbst, auch wenn er so gar nichts von einem Schamanen an sich hatte. Er war und blieb, auch in bedenklich bacchantischen Situationen, stets ein Herr, ein polnischer Herr, der als Dichter nicht von ungefähr am liebsten in der Gestalt des Pan Cogito - des Herrn Cogito - auftrat. Diesem Alter Ego verdanken wir einige Gedichte, die in ihrer Anschauungskraft, Gedankenklarheit, Welt- und Menschenzugewandtheit einzigartig dastehen in der lyrischen Landschaft des 20. Jahrhunderts, Gedichte, die diesem Wahnsinnsjahrhundert wahrhaftig Widerstand leisteten.

Es sind ziemlich altmodisch anmutende Attribute, die sich in der Erinnerung an Zbigniew Herbert als Erstes bei mir einstellen: Stolz, Großmut, Treue, Tapferkeit (sie vor allem), Weisheit (ja, auch sie). Doch wie viel Intelligenz und Ironie - Selbstironie insbesondere - gehörten dazu, um alle diese Eigenschaften, die sich unter den einen Begriff Humanität subsumieren ließen, unbeschädigt über die schrecklichen Zeiten zu bringen. Unter den vielen Engeln seines Werks - nur Rafael Alberti hat es auf noch mehr Engel gebracht - gibt es nicht nur einen engel der skepsis, sondern auch einen engel der ironie. Ohne seine wunderbare Waffe des Lachens, ohne sein entwaffnendes Lachen wäre Zbigniew Herbert verloren gewesen in einer Zeit, die einem Polen, einem polnischen Dichter zumal, furchtbare Prüfungen auferlegte.

Aus der inneren wurde die äußere Emigration

Der 1924 in Lemberg Geborene, dessen großbürgerliche Familie - der Vater war Bankdirektor - in den vierziger Jahren auseinander getrieben und unter dem Nazi- wie dem Sowjetterror zu leiden hatte, studierte nach 1945 in Krakau, Thorn und Warschau nicht nur Polonistik, Philosophie und Kunstgeschichte, sondern auch Jura und Ökonomie und besuchte daneben eine Schauspielschule. Dem polnischen Schriftstellerverband, in den für einen Jungautor der Eintritt obligatorisch, aus dem aber ein Austritt nicht vorgesehen war, kehrte Zbigniew Herbert schon 1951 den Rücken. Das war so unerhört und unopportunistisch wie seine Mitarbeit an einem katholischen Wochenblatt, das bald schon vom kommunistischen Regime liquidiert wurde. Erst 1956, im Jahr des polnischen Tauwetters, wollte und konnte er seinen ersten Gedichtband publizieren, der sofort in Polen und über Polen hinaus große Beachtung fand. Als aber bald darauf Polen erneut vom ideologischen Frost befallen und der sozialistische Realismus zum Schriftstellersoll wurde, unterzog sich Herbert erneut der Prüfung des Schweigens. Er verdingte sich als kaufmännischer Angestellter und strapazierte im Übrigen so oft als möglich sein letztes Privileg: die Auslandsreisen (ihnen verdanken wir sein großartiges griechisches Tagebuch Im Vaterland der Mythen und seine wunderbar augenöffnenden Reiseskizzen aus Italien, Frankreich und Schottland Ein Barbar in einem Garten).

Aus der inneren wurde dann doch auch eine äußere Emigration, die Zbigniew Herbert in vielen Ländern sah. Ein Gedichtband wie Bericht aus einer belagerten Stadt, dessen Titel schon unüberhörbar auf den Belagerungszustand in Polen anspielt und in dem vom "wehrlosen Vaterland", von Prozessen, Gefängniszellen, vom "Niedergang durch Apathie" und von der "Erwürgung durch das Amorphe" die Rede ist, konnte 1983 nur in einem Pariser Exilverlag erscheinen. Das Titel gebende Gedicht darin schließt voll Bitterkeit: "wir schauen ins Antlitz des Hungers ins Antlitz des Feuers des Todes / und ins ärgste Gesicht von allen - in das des Verrats // und nur unsere Träume sind nicht gedemütigt worden".

Es wirkt wie ein später Triumph derer, die Herbert aus der Heimat vertrieben, dass in dem jetzt vom Suhrkamp-Verlag vorgelegten Auswahlband Herrn Cogitos Vermächtnis, den Zbigniew Herbert kurz vor seinem Tod für einen Verlag im nunmehr demokratischen Polen zusammenstellte, dieses programmatische Gedicht um das "nicht" seiner Schlusszeile gebracht wurde und nun also so endet: "und nur unsre träume sind gedemütigt worden"!

Es ist noch anderes misslich in diesem sonst verdienstvollen Band, so erscheint etwa Herberts Gedicht Die alten Meister - eine Art Schlüsselgedicht, weil es Herberts Sehnsucht nach Anonymität ausdrückt - in O. J. Tauschinskis alter verballhornter Übersetzung als Die Einstigen Meister, über die schon Herbert selbst, den ich einmal bat, dieses Gedicht fürs Radio auf Deutsch vorzutragen, sich vor Lachen so ausschüttete, dass es nicht mehr zur Lesung kam.

Zbigniew Herbert war ein großer Träumer und überhaupt kein Fantast. Wie sein Herr Cogito "traute er niemals den Künsten der Phantasie" und den "künstlichen Feuern der Dichtung", sondern "verehrte Tautologien ... / daß der Vogel ein Vogel sei / die Knechtschaft Knechtschaft / das Messer ein Messer / der Tod der Tod" (Herr Cogito und die Phantasie). Seine Gedichte, die ohne jedes künstliche Dunkel und ohne alle Stimmungseffekte, ohne Suggestion und Sophistik auskommen, sind ganz unmissverständlich, weil ganz gegenstandssüchtig. Herbert, der aller Metaphorik misstraute, meinte einmal: "Gäbe es eine Schule der Literatur, so müßte man in ihr vor allem die Beschreibung der Gegenstände üben und nicht die der Träume". In seiner ergreifenden Elegie auf den Fortgang der Feder der Tinte der Lampe, in der er die verschwundenen Gegenstände seiner Kindheit beschwört und zugleich mit der Geschichte abrechnet ("die dialektische bestie an der leine der häscher"), summiert er zuletzt, was ihm im Alter geblieben ist: "nicht viel ist mir übrig geblieben / sehr wenig // gegenstände / und mitleid".

Mitleid erfüllen muss jeden Herbert-Leser, der die Musikalität seiner lang ausschwingenden Sätze bewundert, wenn der im Alter nach Warschau zurückgekehrte und von schwerem Asthma gequälte Dichter, der den Verlust ebendieser seiner Fähigkeit zu langen Perioden fürchtet, in einem seiner Brevier-Gedichte bittet: "Herr, // leih mir die gabe, lange sätze zu bilden, deren / linie von atemzug zu atemzug sich spannt / wie hängebrücken, wie regenbogen, wie das alpha und omega / des ozeans // Herr, // leih mir kraft und geschick derer, die lange sätze bilden, / ausladend wie die eiche, geräumig wie ein weites tal, / damit in ihnen platz finden welten, weltenschatten, / welten aus dem traum". Diese Brevier-Gedichte finden sich in dem schon im Frühjahr von Suhrkamp vorgelegten Band Gewitter Epilog, der die letzten Gedichte Herberts aus der Zeit seiner Warschauer Matratzengruft enthält, Gedichte, die freilich ganz ohne Selbstmitleid sind und noch einmal Herberts Liebe für den ganz gewöhnlichen, das heißt aller Ideologien entkleideten Menschen bezeugen, Gedichte, die noch einmal seiner Leidenschaft für das "heilige Ritual der Alltäglichkeit" frönen, das er auf den Bildern der von ihm so verehrten und in seinem Essayband Stilleben mit Kandare so einfühlsam beschriebenen Kleinmeistern des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei gefeiert fand.

Dank für die Brillen, Knöpfe, Stecknadeln, Hosenträger

In diesem letzten schmalen Gedichtband erleben wir auch noch einmal den großen Danksager und Lobpreiser Zbigniew Herbert, der gerade die kleinen und kleinsten Freuden des Lebens als die eigentliche Lebenssubstanz begriff und dabei nicht einmal die "magazinbeilagen" oder "Dalida" vergaß ("dank ihrer / ward die tyrannei / verschönt / durch schlager") und erst recht nicht seine armenische "allerheiligste Großmutter", die ihm einst mit ihren Geschichten "das universum" erzählte, aber etwas vorsätzlich aussparte: "sie erzählt nichts / vom gemetzel / vom gemetzel der Türken / an den Armeniern // sie gönnt mir / ein paar jährchen illusion".

Im ersten dieser Brevier-Gedichte, das wie eine Fortschreibung des gewaltigen frühen Dankgedichts Herrn Cogito, des Reisenden, Gebet wirkt, sagt der alte Dichter auch Dank "für diesen lebenskrempel, worin ich / ewiglich rettungslos versinke", für "knöpfe stecknadeln hosenträger brillen tintenströme und das allzeit gastfreundliche papier", und selbst wenn das Geschenk der Illusionen nun nahezu aufgebraucht ist, stimmt Herbert lieber ein Dankgebet als einen Klagegesang an: "Herr, dank sag ich Dir für all die spritzen mitsamt nadeln / dick oder hauchdünn, bandagen, heftpflaster, schmiegsame / kompressen, dank für den tropf, die mineralsalze und ganz / besonderen dank für all die schlaftabletten mit namen / wohllautend wie die der römernymphen // die gut sind, weil sie den tod erbitten, an ihn erinnern, / stellvertretend".

Mit dem Tod, nein, mit den Toten stand Zbigniew Herbert früh auf vertrautem Fuß, seine poetische Welt wird weit mehr von diesen als von Lebenden bevölkert. "So lebe ich in verschiedenen zeiten", bekennt noch eines seiner letzten Gedichte, Die Zeit, das an Herberts Fähigkeit erinnert, in den Dialog zu treten mit Göttern und Göttinnen der antiken Mythologie ebenso wie mit Denkern und Künstlern des klassischen Erbes der westlich-mediterranen Kultur und mit ihren Zungen zu sprechen, um auf diesem Umweg kunstvoll ironisch, aber ganz ohne den Brechtschen Belehrungsgestus unliebsame Wahrheiten über seine eigene Zeit loszuwerden. Zbigniew Herbert, dieser so überaus unakademisch anmutende Poeta doctus, blieb auch bei der Frage nach den letzten Wahrheiten und letzten Dingen ganz seiner Philosophie von den Wonnen der Gewöhnlichkeit und der Größe im Kleinen treu. So lässt er in seinem Gedicht Herr Cogito erzählt von der Versuchung Spinozas niemand anderen als Gott selbst dem portugiesischen Juden in Amsterdam auf seine Fragen nach dem ersten und dem letzten Grund antworten: "betrachte deine hände / sie sind verletzt und zittern // - dein augenlicht leidet / im dunkel // - du ernährst dich schlecht / kleidest dich ärmlich // - kauf dir ein neues haus / verzeih den venezianischen spiegeln / daß sie die oberfläche wiederholen // - verzeih die blumen im haar / dem liederlichen trinker // - sorge für einnahmen / wie dein kollege Descartes // - sei schlau / wie Erasmus // - widme Ludwig XIV. / ein traktat / er wird's sowieso nicht lesen // - beschwichtige / die rationale furie / sie macht die throne stürzen / die sterne schwarz // denk / an ein weib / das dir kinder schenkt // - siehst du Baruch / wir reden von Großen Dingen // - ich möchte daß sie mich lieben / die ungebildeten ungestümen / sie sind die einzigen / die nach mir wirklich verlangen".

Diese ungebildeten ungestümen, jene, denen sich Zbigniew Herbert zeitlebens am nächsten fühlte, die Leidenden und mühselig Beladenen, vermutete er eher in Rovigo als in Florenz. "Rovigo", nach dieser kleinen Industriestadt, zu der der Italien-Tourist allenfalls ein Autobahnausfahrtsschild kurz vor Florenz assoziiert, nach diesem "meisterwerk der durchschnittlichkeit" hat Zbigniew Herbert einen ganzen Gedichtband genannt. In seinem Gedicht Herr Cogito meditiert über das Leid - und wieder bin ich versucht zu sagen, einem seiner schönsten Gedichte, wenn Herbert nicht so viele schönste Gedichte geschrieben hätte! - erteilt er einige Ratschläge über den Umgang mit dem Leid, wie nur er, dieser von der Geschichte seines Wahnsinnsjahrhunderts so sehr gebeutelte und doch stets unbeugsame Pole und Dichter, sie erteilen konnte:

man muß sich fügen
den kopf sanft senken

nicht die hände ringen
sich maßvoll und ungezwungen
des leids bedienen
wie einer prothese

ohne falsche scham
doch ebenso ohne überflüssigen hochmut
nicht mit dem stumpf
über den köpfen der andern fuchteln
nicht mit dem weißen stock
an die fenster der satten klopfen
den sud dieser bitteren kräuter trinken
doch nicht zur neige
vorsorglich ein paar schluck
für die zukunft lassen
wenn möglich
aus der materie des leids
ein ding oder eine person erschaffen
spielen
mit ihm
natürlich
spielen
spielen mit ihm
sehr behutsam
wie mit einem kinde
das krank ist
und das man am ende
mit albernen kunststücken doch
zu einem schwachen lächeln
zwingt

Zbigniew Herbert:Gewitter Epilog. Gedichte, aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000, 90 S., 32,- DM

Herrn Cogitos Vermächtnis 89 Gedichte, aus dem Polnischen von Karl Dedecius, O. J. Tauschinski, Klaus Staemmler; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000; 186 S., 38,- DM

 
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