P O L E N In der Vertreibung zu Hause
Adam Zagajewski erinnert sich an Krakau, an zwei verlorene Vaterländer und an Europas dunkle Zeit
Großes Buch, das klein daherkommt. Lebensgeschichte, mit Aphorismen gespickt, Zeitgeschichte, aufgelockert durch persönliche Erlebnisse. Autobiografie, gebettet in die Erzählung einer gedemütigten, sich befreienden Generation. "Wie uninteressant, ausschließlich man selbst zu sein." Hier spricht ein Dichter, der sich bei jedem Wort selbst infrage stellt: "Wirklich leben können wir nur in der Niederlage."
Wer zu solcher Einsicht kommt, hat es als Erzähler nicht leicht. Eher drängen Erfahrungen, Einsichten ins Gedicht, in den prägnanten Merksatz, die Maxime, den Aphorismus, mit denen der 1945 in Lemberg geborene Adam Zagajewski seine Erinnerungen spickt: "Der Schriftsteller, der ein intimes Tagebuch führt, schreibt darin auf, was er weiß. Im Gedicht oder in der Erzählung schreibt er über das, was er nicht weiß." - "In der Kindheit rauschten manche Bäume sogar an windstillen Tagen." - "Gute Schriftsteller wickeln Unbekanntes in Bekanntes ein. Die Schwachen packen das Unbekannte obendrauf."
Dann die Absage an Plattenbauten gestern, heute, morgen: "Wie soll man sich zu den monströsen, scheinbar neuen Siedlungen verhalten, die nach zwei Jahrzehnten älter wirken als die Pyramiden Ägyptens und leer anmuten, obwohl sie von Tausenden, Zehntausenden Menschen bewohnt werden? Wie soll man Niemandsorte gern haben, wo erschöpfte Behausungen ins Nichts zerfallen ...?"
Der Leser merkt, hier findet das Große Gericht statt. Abrechnung, ja. Aber so leise, dass der Leser selber in Ost und West, als Pole oder Deutscher - diesen wie nebenher gerufenen Appell ans Gewissen nicht überhören kann. Was hast du gemacht? Was hast du - damals - getan? Dies ist, über allen literarischen Rang dieser autobiografischen Erzählung hinaus, die Würde dieses Buchs.
Ein Buch, das alle Berufsvertriebenen in Deutschland lesen sollten. Auch Adam Zagajewski ist ein Vertriebener - und das heißt zwischen 1933 und 1945 - ein Opfer deutscher Gewalt. "Geboren einen Monat nach Kriegsende" in der herrschaftlichen Stadt Lemberg, Lwów (Lwuff) sagen die Polen und spucken aus, wenn man ukrainisch Lwíw (Lwiff) sagt, weil die Kulturmetropole im einstigen Habsburger-Reich seit einem halben Jahrhundert Anhängsel der gehassten Sowjetunion ist, auch wenn man den erdrückenden Nachbarn im Osten seit zehn Jahren etwas freundlicher nennt.
"In meiner Kindheit verlor ich zwei Vaterländer" - klagt der polnische Adam gleich auf einer der ersten Seiten. Na klar, denkt der Leser: In die Geburtsstadt Lemberg rückten (Weiß-)Russen oder Ukrainer ein. In Güterwagen wurden die Leute aus Ostpolen in den Westen verfrachtet, nach Oberschlesien, wo gerade die deutschen Einwohner in Viehwagen weiter westlich abtransportiert worden waren. Die Großfamilie Zagajewski landet im schlesischen Gleiwitz. Von dort ist der deutsche Dichter Horst Bienek in den Westen vertrieben worden. Adam, Kind aus Ostpolen, mit alten Onkeln und Tanten, die in der Kohlengrube Schlesien nie heimisch werden, nistet sich, jung wie er ist, im Gemäuer der alten, bis in den Baustil durch deutsche Bewohner geprägten Stadt ein, wird zum "geistigen Leben" aber erst erweckt, als er in die alte Königsstadt Krakau zum Studium reisen darf.
Zwei Vaterländer? Lemberg und Gleiwitz? Krakau und Warschau? Der nachdenkliche, vergrübelte Moralist, der in diesem Buch dem eigenen Lebensweg nachsinnt, meint mit den beiden Vaterländern, jenseits aller geografischen Orte, eine Herzmitte von Gesittung und - Dichtung: Die zwei verlorenen Vaterländer sind ihm: "Die Stadt und der freie Zugang zur Wahrheit."
Dies erst macht Zagajewskis Buch groß und bedeutend. Hier wühlt kein älter werdender Erzähler in frühen Kladden, entziffert Tagebücher aus Jugendzeiten. Über den Seiten dieses so strengen wie anekdotisch reichen Buches der Erinnerung schwebt der auf Seite 141 beschworene "Gewissensengel". Als ob der Erzähler allem misstraute, woran er sich erinnert, unterbreitet er jeden Satz, jedes Wort, seinem "Gewissensengel" - und heraus kommt ein wundervoll zu lesendes, nie geschwätziges Buch des Gedenkens an Polens große Zeit des Auf- und Widerstands. Keine Fanfaren, eher leise Melodien. Kein Marsch über die Hauptstraßen, sondern ein Gang durch die Seitengassen, wo an zerblätternden Fassaden die trostlose Geschichte abzulesen ist.
Er liebt alle Vögel, aber ganz besonders die Sperlinge der Intelligenz
Dieser Erzähler, jung aus einer als "Heimat" erlebten Stadt gerissen, hört lieber auf den Schlag der Amsel als auf die Frohsinns-Schalmeien einer Einheitspartei, an deren Botschaften er bald nicht mehr glaubt: "Amsel, die Künstlerin unter den Vögeln der Umgebung ... Die Amseln brauchen beim Anstimmen ihres Gesangs die Einsamkeit ... Wenn man sich vorstellt, dass in jeder europäischen Stadt, ... von März bis Juni, diese unglaublichen Konzerte voller Inbrunst ertönen, wild und hinreißend, ungehörte Konzerte ... Arme Amseln, am herrlichsten singen sie, wenn ihnen keiner zuhört ... Wer weiß, vielleicht wären die Einwohner dieser Städte etwas anders, großherziger, hätten sie das Konzert gehört, das an Menschenherzen appelliert, obwohl es sich eigentlich an kleine Vogelherzen richtet."
Als ob wir im Paradies wären: Pan Adam, Herr Adam, lässt uns noch einmal Blätterrauschen, Amselrufe verstehen. Er erzählt nicht von A bis Z. Er hält sich nicht an die Straßenverkehrsordnung korrekten Aufmarsches historiengetreuer Reminiszenzen, sondern flockt seine (auto-)biografischen Einsprengsel (Erinnerungsbilder heißt sein Buch) in den Text, wo immer es ihm passt. So entsteht ein lockeres Buch aus Erzählung und Verschweigen, wobei die Augenblicke der Stille - wie es sie gibt, wenn man einem Erzähler am Tisch gegenüber sitzt und sich nur in die Augen sieht - ebenso beredt sind wie die Überstürzungen plötzlicher Lebensbeichte.
Gerade mal ein Halbsatz über das "schöne Mädchen", das später Frau Zagajewski wird. Viele Seiten aber über alte, sich durchs Leben schleppende Gelehrte, auf deren Wissen ein ideologisch betonierter Staat glaubt verzichten zu können - mit volkswirtschaftlich zu bezifferndem Schaden bis heute. Die Porträts der ausgemusterten Professoren gehören zum Bewegendsten, was dieses Buch schenkt, das Gleiwitz, vor allem aber Krakau und die Jahre der Befreiung Polens durch die Arbeiter der SolidarnoŽc porträtiert.
Adam Zagajewski ist - er legt Wert darauf - keiner dieser schnellen Autoren, gut für ein "Messethema" wie Polen. Hier begegnen wir einem Langstreckenläufer, der sich Zeit nimmt für Bilder, Musikstücke, über die er klug nachdenkt, für Werke anderer Autoren. Nicht umsonst unterrichtet er junge Menschen an Universitäten in Frankreich, in den Vereinigten Staaten. Er hat es halt mit den Vögeln - nicht nur mit den Amseln, auch mit den "Sperlingen der Intelligenz", wie er sein Zweifelgewissen nennt. Und so sieht er, das bleibt als dialektische Schulung durch Hegel & Marx doch übrig, am Horizont unserer vermeintlich aufgeklärten Zeit und Gesellschaft schon die Gewitterwolken neuer Geistesfinsternis aufziehen: "Im Geistesleben gibt es abwechselnd Sequenzen der Exaltation und der Demaskierung. Da wir jetzt - im Weltmaßstab - die Phase einer gigantischen Demaskierung erleben, darf man sich nach einiger Zeit auf die Rückkehr der Devotion gefaßt machen."
Adam Zagajewski:Ich schwebe über Krakau
Erinnerungsbilder; aus dem Polnischen von Henryk Bereskra; Carl Hanser Verlag, München 2000; 287 S., 36,- DM
Adam Zagajeski:Lachen und Zerstörung. Prosa und Gedichte; aus dem Polnischen von Henryk Bereska (Prosa) und Karl Dedecius (Gedichte), Rospo-Verlag für Lyrik und Kunst, Hamburg 1996, 80 S., 32,- DM
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