Es gibt Bücher, bei deren Lektüre denkt man anfangs: "Das weiß ich doch alles." Bei fortschreitender Lektüre erkennt man dann: Der Autor fügt die Steinchen, die man zu kennen meint, zu einem ganz eigenen Mosaik zusammen. So ein Buch ist Noam Chomskys Essay; sein Mosaik allerdings gerät mehr und mehr zum Horrorbild - der Tenor lautet: Kapitalismus ohne Maske.

Längst und immer wieder und auch immer vernehmlicher klagen ja Publizisten wie (wenige) Politiker die ruchlosen Raubtiermethoden unserer zügellos gewordenen kapitalistischen Welt an; zügellos heißt: steuerungslos, unkontrolliert. Noam Chomsky und der Autor des Vorworts, Robert W. McChesney, haben in dem so brillanten wie schockierenden Buch Material gesammelt und analysiert, um den Begriff des Neoliberalismus gleichsam zu enttarnen; denn es handelt sich nicht um eine neue, avancierte Form von liberal, vielmehr - bereits das eine Art Begriffsdiebstahl - um die fälschend etikettierte Rücknahme liberaler Ideen und Strukturen: "Inzwischen läßt sich mit neoliberalen Vokabeln alles Mögliche begründen - Steuererleichterungen für Wohlhabende, Reduzierung der Maßnahmen zum Umweltschutz, Zerschlagung staatlicher Bildungs- und Wohlfahrtsprogramme. Mittlerweile ist jede Aktivität, die an die gesellschaftliche Vorherrschaft der Konzerne rührt, automatisch verdächtig, weil sie die Mechanismen des freien Marktes, der einzig vernünftigen, fairen und demokratischen Instanz für die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen, gefährden könnte."

Jeder von uns erlebt täglich die Mischung aus Ruppigkeit, Menschenverachtung und Rücksichtslosigkeit, die inzwischen das "normale Leben" prägen - beim Autokauf, beim Reiseveranstalter, beim Reklamieren nachlässig zusammengeschusterter Ware, beim Lügen der Politiker und beim Mogeln der Medien. Dass dieser "Kapitalismus ohne menschliches Antlitz" unseren Alltag vergiftet, wissen wir; die Geschichte vom Personaldirektor, der in Gegenwart des Geschäftsführers zwölf Leute entlässt, ist nicht erfunden: Als der Letzte der Entlassenen den Raum verlassen hatte, sagte der Geschäftsführer: "Morgen ist Ihr letzter Tag." Fast niemand mehr, der solche Ungeheuerlichkeiten nicht wüsste, selbst erfahren hätte, aus dem Betrieb seiner Frau kennte. Nur, dass die meisten schweigen; wer will schon Meckerer und Nörgler sein.

Noam Chomsky - Sprachwissenschaftler sind ja selten schrill - geht ziemlich nüchtern vor, wenn er Fall an Fall reiht, um zu demonstrieren: Schon sehr früh, und seit Wegfall einer sozialistischen Alternative nun völlig ungehemmt, hat die von immer gigantischer gewordenen Wirtschafssimperien "in Kauf" genommene Politik sich als willfähriger Vollstrecker bewährt: "Aus diesen Gründen hat George Kennan, der einflußreiche Chef des außenpolitischen Planungsstabes, bereits 1948 dazu geraten, daß wir ,aufhören sollten, über verschwommene und unrealistische Ziele wie Menschenrechte, Anhebung des Lebensstandards und Demokratisierung zu reden', sondern ,frei von idealistischen Phrasen' über ,Altruismus und Weltbeglückung' mit ,eindeutigen Machtkonzeptionen arbeiten' müssen."

Chomskys Methode ist die des Dokumentarfilms. Er reiht Fakten an Fakten, Polemik verbietet sich da: Im selben Jahr (1989), in dem Amerikas Brasilienpolitik als Erfolgsgeschichte gefeiert wird, das "goldene Jahr" mit einer Verdreifachung der Profite, besagt eine Studie der Weltbank, dass die ohnehin niedrigen Industrielöhne in Brasilien um 20 Prozent fielen und zwei Drittel der Bevölkerung nicht genug zu essen haben, um normale körperliche Tätigkeiten auszuüben. Während Business Week das neu-reiche Amerika feiert mit der Schlagzeile "Wohin mit dem ganzen Kleingeld?", hat laut Statistik keine Industrienation so viele in Armut lebende Kinder wie die USA. Im mit "spektakulären Profiten" bejubelten Jahr 1996 erlaubt sich sogar das Magazin Fortune Ironie: Es gebe allerdings bei den global so erfolgreichen Unternehmen einen Bereich, bei dem sie nicht viel zulegen, nämlich auf den Lohnstreifen. "Diese Ausnahme umfaßt auch Unternehmen, die ein ,großartiges Jahr' mit einer ,Gewinnexplosion sondergleichen' hinter sich haben, während sie Arbeitsplätze wegrationalisierten und zur Beschäftigung von Teilzeitkräften ohne Sozialleistungen und Arbeitsplatzgarantie übergingen." Um im Vokabular der von Noam Chomsky gründlich ausgewerteten Wirtschaftspresse zu bleiben: eine niederschmetternde Bilanz. Die Verquickung von regierender Wirtschaft und deren Kommandos ausführender Regierung macht Chomsky fest an Zahlen, Fakten, Daten - ob am Beispiel der Marshallplan-Hilfe, die an den Kauf US-amerikanischer Landwirtschaftserzeugnisse gebunden war, über strangulierende Gesetze und Maßnahmen gegen Brasilien, Mexiko, Kenia bis zur so inhumanen wie sinnlosen Boykottpolitik gegen Kuba: Karl Marx redivivus.

Dies nämlich, Summe der vielen Details, ist eine verblüffende Erkenntnis, zu der Noam Chomsky und mit ihm der Leser kommt: Die weiland so getaufte und raschestens als kommunistisch verunglimpfte These des "Stamokap" ist keineswegs abwegig. Wie ja ohnehin marxistische Wirtschaftsanalysen nicht deswegen obsolet sind, weil Stalin Gulags baute. Staats-Monopol-Kapitalismus - fraglos ist das zu entscheidenden Teilen die politökonomische Struktur unserer Gesellschaft. Selbst der in ökonomischen Theorien nicht bewanderte Laie fragt sich ja, wieso eigentlich in die Pleite gemanagte Unternehmen - und das sind nicht nur Bauunternehmen - nach Staat und staatlicher Hilfe rufen, oft auch noch mit Erfolg; wieso bei einem Treffen sämtlicher deutscher Botschafter die Herren vom Außenminister als Wirtschaftsemissäre verpflichtet werden; wieso die Flugzeuge von Präsidenten und Kanzlern voll gestopft sind mit Industriebossen. Geht's gut, bleibt man unter sich. Geht's schwer oder gar schlecht, muss die Politik helfen, ob bei einer U-Bahn in China oder bei Ölkonzessionen in Afrika. Die Hilfe ist öffentlich, der Profit ist privat.

Noam Chomsky erzählt nicht nur die Geschichte vom Lockheed-Konzern, der nur dadurch vor dem Zusammenbruch gerettet wurde, dass die US-Regierung die Garantie für zwei Milliarden Dollar an Lohn- und Gehaltszahlungen übernahm; sondern er kann auch anhand der von ihm benutzten Fachliteratur generell folgern, "daß, nahezu alle Großfirmen weltweit ihre Strategie und ihren Wettbewerbsvorteil dem entscheidenden Einfluß regierungspolitischer Maßnahmen und/oder Handelsbarrieren verdanken', während zumindest 20 von ihnen, die 1993 laut Fortune zu den 100 größten Unternehmen gehörten, ,als unabhängige Unternehmen gar nicht überlebt hätten, wenn sie nicht von ihren jeweiligen Regierungen gerettet worden wären'. Das geschah durch die Sozialisierung der Verluste oder - bei ernsthaften Schwierigkeiten - durch direkte staatliche Übernahme."