Die Nemesis der Zuversicht

Michael Oakeshott zu Möglichkeiten und Grenzen politischen Handelns

Regieren in Demokratien dient der Steigerung des Wohlstands und der Chancen zur Selbstentfaltung - eine solche Formulierung dürfte allgemein Zustimmung finden. Man könnte sie auch als den Grundkonsens der Nachkriegsdemokratien in Westeuropa bezeichnen. Der Dissens beginnt erst, wenn das Verhältnis zwischen individueller Selbstbestimmung und allgemeiner Wohlfahrt austariert werden soll. Nahezu alle politischen Kontroversen in Demokratien drehen sich um diese Frage, aber von keiner politisch ernstzunehmenden Richtung wird infrage gestellt, dass beide Erwartungen bedacht werden müssen, wenn die Ordnung stabil und dauerhaft sein soll.

Dagegen will Michael Oakeshott zeigen, dass in diesem Basiskonsens gefährliche, auf Dauer gesehen destruktive Annahmen enthalten sind, und er rät darum zu mehr Skepsis hinsichtlich dessen, was mit politischen Mitteln bewirkt werden kann. Es ist die "Politik der Zuversicht", wie Oakeshott sie nennt, die die Achillesferse aller politischen Strömungen der Moderne bildet, gleichgültig, ob sie sich als konservativ oder progressiv verstehen, an grenzenlosem Wirtschaftswachstum oder ökologischem Gleichgewicht orientiert sind.

Lange Zeit hat einer stärkeren Rezeption der Arbeiten Oakeshotts in Deutschland der Verdacht im Wege gestanden, es handele sich hierbei bloß um eine Spielart des britischen Common-Sense-Konservatismus, die philosophisch anspruchslos und politiktheoretisch unergiebig sei. Vor allem aber stand Oakeshotts Grundthese, politische Philosophie sei nicht dazu da, die normativen Vorgaben der politischen Ordnung zu steigern und feiner auszuarbeiten, sondern sie habe sich auf die Frage nach den Möglichkeiten und Gefährdungen politischer Ordnung zu konzentrieren, quer zu den seit Ende der sechziger Jahre vorherrschenden Erwartungen an die politische Philosophie und Theorie. So blieb die Aufsatzsammlung Rationalismus in der Politik zunächst das einzige ins Deutsche übersetzte Buch Oakeshotts, und auch in den einschlägigen akademischen Disziplinen fanden seine Arbeiten kaum Resonanz. Freilich scheint Oakeshott auf eine breitere Rezeption auch keinen gesteigerten Wert gelegt zu haben, denn er gab nur wenige seiner Manuskripte, unter ihnen das 1975 veröffentlichte Hauptwerk On Human Conduct, zum Druck und hielt das meiste zurück. Mit seinen Überlegungen genauer vertraut war darum nur, wer seine Vorlesungen an der London School of Economics besucht hatte. Das änderte sich erst, als Oakeshott 1990 hochbetagt starb und seine Schüler darangingen, die zahlreich hinterlassenen Manuskripte zu veröffentlichen.

Zuversicht und Skepsis ist eines davon. Es ist zu Beginn der fünfziger Jahre entstanden. Aber wer das nicht weiß, könnte meinen, der Text entstamme unserer unmittelbaren Gegenwart. Zumindest in dieser Hinsicht hat Oakeshott dem selbst gesetzten Anspruch genügt, seine Arbeiten müssten sich an den großen Essays der englischen politischen Literatur, an Hume und Halifax etwa, messen lassen. Das freilich hat seinen Preis, und der besteht unter anderem im Verzicht auf eine zeitgebundene Exemplifizierung der angestellten Überlegungen, die so durchgängig im Allgemeinen verbleiben. Die äußerste Konzession sind Bemerkungen wie die, dass die "Politik der Zuversicht" nunmehr Konjunktur habe und jedes Parteiprogramm, das Gehör finden wolle, in der "Sprache der Zuversicht" abgefasst sein müsse.

Was aber meint Oakeshott mit Politik und Sprache der Zuversicht? Es handelt sich für ihn dabei nicht um eine bestimmte politische Position oder Richtung, sondern um einen inhaltlich offenen Stil politischen Denkens und Handelns, der die Aufgabe des Regierens in der Steigerung der Zugriffsmöglichkeiten auf die Natur und der Beherrschung der Welt zum Wohle der Menschheit sieht. Eine Folge dessen ist die Tendenz zur beständigen Ausweitung der Regierungszuständigkeit und die Fixierung des politischen Blickfelds auf die Zukunft bei weitgehender Vernachlässigung der Vergangenheit.

Ein solcher Politikstil konnte sich freilich erst seit Beginn der Neuzeit entwickeln, als mit der Entstehung des modernen Staates den Regierungen erheblich größere Machtfülle zuwuchs. Dieser Machtzuwachs und die Entstehung einer Politik der Zuversicht gingen Hand in Hand. Man traute sich nun zu, mit den Mitteln des Regierens Ziele zu erreichen, an die man vordem nicht zu denken gewagt hatte. Das politische Denken Francis Bacons ist für Oakeshott ein Beispiel dieser neuen Politik der Zuversicht. Weil die Vervollkommnung der Menschheit danach im Diesseits und die Erlösung in der Geschichte stattfinde, bezeichnet Oakeshott sie auch wenig glücklich als "pelagianisch". Was der von dem Kirchenvater Augustinus bekämpfte Pelagius vertrat, war freilich nicht die innerweltliche Erlösung der Menschheit, sondern die erlösungsrelevante Anrechnung der Verdienste Einzelner, die sich damit dem Schrecken der göttlichen Gnadenwahl entzogen wähnten. Das freilich ist weder spezifisch neuzeitlich, noch trifft es das von Oakeshott kritisch ins Auge gefasste Projekt einer Vervollkommnung von Welt und Menschen mit den Mitteln der Politik.

Bemerkenswert ist hingegen, wenn Oakeshott zwischen einer am Wohlstand der Menschen orientierten ökonomischen Variante und einer auf das Heil der Menschen abzielenden religiösen Variante der Politik der Zuversicht unterscheidet. Hier trifft der politische Skeptiker den Nerv unseres heutigen Selbstverständnisses, das die beiden Vorstellungen gerade nicht als Varianten ein und desselben Politikstils, sondern als Gegensatz, nämlich dem zwischen Machbarem und Utopischem, begriffen wissen will. Aber schon die Herausstellung des Machbaren aus dem Utopischen ist in der Sprache der Zuversicht formuliert und zutiefst imprägniert von der Überzeugung, durch verbesserte Organisation und Planung lasse sich eine bessere Welt gestalten.

Gegen die Politik der Zuversicht stellt Oakeshott die Politik der Skepsis: In ihr ist die Aufgabe des Regierens darauf beschränkt, die Härte der menschlichen Konflikte zu mildern und deren Anlässe zu verringern. Sie begrenzt den Zuständigkeitsbereich der Politik und arbeitet der Zuversicht entgegen, die auf dessen Erweiterung und Ausdehnung drängt. Sie ist geprägt von jener Selbstbescheidung, die der Politik der Zuversicht infolge der Größe der selbstgestellten Aufgaben zwangsläufig abgeht.

Oakeshott geht freilich davon aus, dass keiner der beiden Politikstile für sich allein vorkommt, sondern beide immer in Mischungen auftreten. Bis zum Beginn der Neuzeit hat danach fast immer die Skepsis überwogen, bis sich dann die Zuversicht durchzusetzen begonnen hat. Formuliert man Oakeshotts Überlegungen in einer anderen Terminologie, heißt das, dass politisches Denken und Handeln mehr und mehr mit einer Fortschrittsperspektive unterlegt wurden, die es erlaubte, die Ziele höher zu stecken und die Absichten weiter zu spannen.

Die Frieden stiftende Wirkung der Vieldeutigkeit

Es sind eher die Beobachtungen zur politischen Sprache als die zur praktischen Politik, die Oakeshotts Buch lesenswert machen. Dass die Politik der Zuversicht dazu tendiert, rechtliche Begrenzungen des Regierens aufzuheben, dass sie, wenn auch das nicht hilft, zum Mittel der Gewalt gegen Widersacher greift und schließlich in eine Politik des Terrors umschlagen kann, gehört zu den durchgängigen Beobachtungen neuzeitlicher Politik. Auch dürften die aus hypertropher Zuversicht in die menschlichen Fähigkeiten resultierenden Gefahren in jüngster Zeit weniger im Bereich des unmittelbaren Regierungshandelns als in der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung zu suchen sein, die mit politischen Mitteln schon lange nicht mehr zu lenken und begrenzen ist. Hier werden die Grenzen von Oakeshotts theoretischem Zugriff auf die Probleme und Herausforderungen der Politik sichtbar: Eine Politik der Skepsis gerät dort in Paradoxien, wo sie mit politischen Mitteln Entwicklungen regulieren muss, die nicht selber der Politik entwachsen: Sie bedarf der Zuversicht in die Wirkung ihrer Regelungen, um ihre skeptische Intention zur Geltung bringen zu können. Oakeshott hat dieses Problem mit der Bemerkung angesprochen, eine Politik der Skepsis sei eher für statische als für dynamische Konstellationen geeignet, aber er hat es kaum in seiner Tragweite erfasst: einerseits, weil in der Moderne kaum noch statische Konstellationen anzutreffen sind, und andererseits, weil die Dynamik immer seltener von der Politik selbst ausgeht. Die Grundhaltung der Zuversicht hat sich von der Politik ab- und Naturwissenschaft und Technik zugewandt. Die Nemesis dieser Zuversicht aber kann wiederum nur durch eine Politik der Zuversicht in Grenzen gehalten werden.

Dagegen sind Oakeshotts Beobachtungen hinsichtlich der politischen Sprache heute noch aktueller als zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift. Indem der Politikstil der Zuversicht und der der Skepsis seit Beginn der Neuzeit miteinander konkurrierten und sich in der Prägung der politischen Grunddispositionen abwechselten, haben sie beide auch die Sprache, in der wir uns politisch verständigen, beeinflusst und geprägt. Die Folge ist die durchgängige Mehrdeutigkeit des politischen Vokabulars, die das semantische Pendant der Ambivalenz im politischen Handeln darstellt. Energisch wendet sich Oakeshott gegen die naheliegende Schlussfolgerung, eine Befreiung der politischen Sprache von ihrer Mehrdeutigkeit werde politisch hilfreich sein. Selten ist die friedensstiftende Wirkung der Vieldeutigkeit so überzeugend entwickelt worden wie in Oakeshotts Überlegungen. Die verheerenden Folgen von Totalitarismen und Fundamentalismen, so ließe sich dieser Gedanke weiterführen, erwachsen aus dem für sie charakteristischen Versuch, die Mehrdeutigkeit der politischen Sprache in Eindeutigkeit zu überführen, um auf dieser Grundlage dann entsprechende Erwartungen verbindlich zu machen.

Michael Oakeshott:Zuversicht und Skepsis Zwei Prinzipien neuzeitlicher Politik; aus dem Englischen von Christiana Goldmann; A. Fest Verlag, Berlin 2000; 272 S., 58,- DM

 
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