S A C H B U C H Die Frage, die nie gestellt wurde

Antonio Damasio erklärt, wie aus Gefühlen Bewusstsein entsteht

Wir sind in ständiger Auflösung begriffen. Unaufhörlich geht das biologische Material unseres Körpers zugrunde, wird ersetzt oder umgebaut. Manche Zellen leben eine Woche, die meisten nicht länger als ein Jahr. Kaum ein Molekül unseres Körpers, das nicht im Laufe unseres Lebens mehrfach ausgetauscht wird. Und doch bringt diese permanente biologische Vergänglichkeit auf geistiger Ebene den Eindruck einer kontinuierlichen Identität hervor. Wie geht das zu?

Noch vor gut 20 Jahren glaubte der Nobelpreisträger John C. Eccles, die Frage nach unserer subjektiv erfahrbaren Einzigartigkeit lasse sich letzten Endes nur religiös beantworten. In dem aufsehenerregenden Buch Das Ich und sein Gehirn postulierte der Hirnforscher gemeinsam mit dem Philosophen Karl Popper, das Gehirn werde von einer Art übergeordneten Instanz gesteuert, die sich allen reduktiven Erklärungsversuchen widersetze. Das Selbst, so wie Eccles es versteht, "wird uns gegeben, es ist der Geist Gottes".

Heute vertritt kaum ein Hirnforscher noch diese Meinung. Die dualistische Trennung von Geist und Körper gilt ihnen als Ballast, den man seit Descartes' Zeiten unnütz mit sich herumschleppe. Statt auf den göttlichen Hauch zu bauen, vertrauen sie lieber auf die Positronen-Emissions-Tomografie, und einige Wissenschaftler glauben schon, Bewusstsein erklären zu können. Großspurige Büchertitel haben in den vergangenen Jahren von diesem Versuch gekündet: Der DNA-Entdecker Francis Crick behauptete zu wissen, Was die Seele wirklich ist, der Philosoph Daniel Dennett meinte in Consciousness explained das Bewusstsein erklärt zu haben und der Medizinnobelpreisträger und Hirnforscher Gerald Edelman propagiert ebenfalls seit Jahren, seine Theorie des "neuronalen Darwinismus" habe das Rätsel des Bewusstseins so gut wie gelöst; soeben hat er eine Neuauflage seiner Gedanken unter dem Titel Universe of Consciousness auf den Markt gebracht.

Antonio Damasio ist demgegenüber sehr viel verhaltener. Zwar sieht auch der portugiesischstämmige Neurologe das Bewusstsein als rein irdisches Phänomen an, das letztlich auf die komplexen biochemischen Regelkreise des Körpers zurückzuführen sei. Doch anders als seine Kollegen vermeidet er die Attitüde des großen Welterklärers. Damasios Antrieb entspringt eher dem tagtäglichen Umgang mit bewusstseinsgestörten Patienten, denen er in seiner Universitätsklinik im amerikanischen Iowa begegnet - Alzheimer-Kranke, die weder ihre Frau noch sich selbst im Spiegel erkennen, "locked in-Patienten", deren wacher Geist im Gefängnis eines unbeweglichen Körpers eingeschlossen ist. Die Fallgeschichten haben den Hirnforscher immer wieder auf die Frage geführt, was Bewusstsein eigentlich ist, und wie es entsteht.

Seine Grundgedanken stellte er schon 1994 in dem Buch Descartes Irrtum vor: Die Trennung von geistigen Prozessen und körperlichen Emotionen sei ein fataler Fehler, Bewusstsein ohne biologische Basis nicht vorstellbar. Dieser gefühlvolle Ansatz hatte Erfolg. Damasios Buch wurde in 17 Sprachen übersetzt und lieferte unter anderem Daniel Goleman die Vorlage zu dessen Verkaufsschlager Emotionale Intelligenz. Nun wagt Damasio den zweiten Wurf: In seinem neuen Werk Ich fühle, also bin ich versucht er, seine Erkenntnisse zu einer umfassenden Bewusstseinstheorie zu synthetisieren. Die minutiösen anatomischen Befunde, die seine Frau Hanna beisteuert, zeigen eindrucksvoll, wie subtil der menschliche Geist vom Funktionieren (oder dem Ausfall) einzelner Hirnbereiche abhängt - und wie problematisch damit Eccles These von einem nichtmateriellen Geist heute erscheint.

Da ist zum Beispiel der Patient David, der zwar weiß, dass er Frau und Kinder hat, aber sich weder an ihr Aussehen noch an den Klang ihrer Stimmen erinnern kann. "Legt man ihm ein Foto seines Sohnes im Alter von vierzehn Jahren vor, so sagt er, da sei ein junger Mann mit einem netten Lächeln zu sehen, der wahrscheinlich die Highschool besuche", berichtet Damasio, "aber er hat keine Ahnung, dass es sich um seinen eigenen Sohn handelt." David ist unfähig, einen aktuellen Bezug zwischen äußeren Objekten und seiner eigenen Person und Geschichte herzustellen. Eine Hirnhautentzündung im Alter von 46 Jahren hat beide Schläfenlappen in Davids Gehirn beschädigt - und eine der gravierendsten Bewusstseinsstörungen hervorgerufen, die je dokumentiert wurde. David hat nicht nur die Fähigkeit verloren, sich neue Fakten einzuprägen; zudem kann er frühere Sachverhalte meist nur in rudimentärer Form abrufen.

Fast könnte man meinen, dass David jenem "Zombie" gleicht, der durch die bewusstseinsphilosophischen Debatten geistert: jenem Wesen, das sich zwar wie ein Mensch verhält, aber keinerlei Bewusstsein besitzt. Doch David ist kein Zombie. Zwar weist sein Geist einen Mangel an spezifischen Inhalten auf, dennoch erscheinen seine Handlungen an sein Selbst gebunden. "Er kann sogar eine Schachpartie spielen - und gewinnen! -, obwohl er noch nicht einmal den Namen des Spiels kennt und nicht in der Lage wäre, eine einzige Regel zu formulieren", hat Damasio beobachtet. Die Freude Davids über den eigenen Triumph aber zeige, dass er die Vorstellungen in seinem Kopf durchaus als seine eigenen begreife.

Beim Lesen solcher Schicksale mag sich so mancher an Bestseller wie Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte erinnern. Doch Damasio ist kein Oliver Sacks. Dem Neurologen aus Iowa dienen seine Fallgeschichten nicht als literarischer Selbstzweck, sondern vorwiegend zur Illustration seiner Theorie. Davids Schicksal nimmt Damasio zum Anlass, zwei Arten von Bewusstsein zu unterscheiden: Das fundamentale "Kernbewusstsein" definiert er als einfaches biologisches Phänomen, wie es vielen Tieren mit einfachem Nervensystem eigen sei; es vermittle dem Organismus ein integriertes Bild seiner selbst und der Umgebung und steuere den Überlebenstrieb. Dieses Kernbewusstsein besitzt David zweifellos. Was ihm verloren ging, meint Damasio, sei das "erweiterte Bewusstsein": Dieses verknüpfe die Wahrnehmungen eines Organismus mit seiner individuellen Geschichte und erschaffe damit gewissermaßen seine eigene Autobiografie. Für diese Form des Bewusstseins, die typisch für den Menschen ist, sei unter anderem ein ausgeprägtes Gedächtnis erforderlich - just die Fähigkeit, die David verloren ging. Damasio geht noch einen Schritt weiter und versucht das Bewusstsein auch anatomisch zu verorten: Die zerstörten Bereiche in Davids Hirn - wie der Hippocampus, dessen benachbarte Cortexfelder und die Amygdala - scheinen demnach nicht für das Kernbewusstsein, wohl aber für das erweiterte Bewusstsein zuständig zu sein.

Wer an dieser Stelle Schwierigkeiten mit den neurologischen Fachtermini bekommt, muss gewarnt werden: Obwohl sich Damasio um eine populäre Darstellung bemüht, ist die Lektüre keineswegs leicht. Das liegt nicht nur am Fachvokabular, sondern auch an Damasios eigenen Begriffen, die er nicht immer klar erläutert. Man mag dem Autoren zugute halten, dass die deutsche Fassung notgedrungen sperriger daherkommt - doch es wäre ungerecht, den solide übersetzenden Hainer Kober für den oft mühsamen Stil verantwortlich zu machen. Ein strenges Lektorat hätte dem Buch gut getan.

So muss der Leser eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringen. Wer sich davon nicht schrecken lässt, wird mit lehrreichen Einsichten belohnt. So macht Damasio sehr klar, dass zur Erklärung des Phänomens Bewusstsein mehr nötig ist als nur eine genaue Beschreibung des Prozesses, wie aus äußeren Sinnesreizen mentale Prozesse - gleichsam der "Film im Gehirn" - entsteht. Darüber hinaus muss auch die Frage beantwortet werden, wie dabei das bewusste Selbst - also der "Filmzuschauer" - ins Spiel kommt. Während sich die meisten Hirnforscher gegenwärtig ausschließlich auf den ersten Aspekt konzentrieren, wendet sich Damasio der zweiten Frage, der Entstehung des Selbst, zu. Dieses Problem haben seither nur wenige, wie etwa der deutsche Philosoph Thomas Metzinger mit seinem "Selbstmodell", thematisiert. Dank Damasios Daten lässt sich nun wenigstens ansatzweise seine neurobiologische Grundlage verstehen.

Als "archimedischer Punkt" dient Damasio der Gedanke, dass sowohl das Bewusstsein als auch alle körperlichen Funktionen letztlich nur einem Ziel dienen: der (Vor-)Sorge des Organismus um sein Überleben. Die entscheidenden Bindeglieder zwischen Körper und Geist sind, wie schon in Descartes Irrtum, die Gefühle und Emotionen.

William James formulierte im vergangenen Jahrhundert die Theorie, dass Gefühle im Wesentlichen Veränderungen des Körperzustandes widerspiegeln. Damasio unterscheidet nun, gegen die landläufige Bedeutung der Worte, zwischen "Emotionen", die nach außen gerichtet und nicht kontrollierbar sind und nach innen gewandten "Gefühlen", die jeder nur bei sich selbst beobachten kann. Wer beim Überqueren einer Straße plötzlich ein Auto auf sich zurasen sieht und Herzflattern und Adrenalinschübe bekommt, hätte demnach eine Emotion in Damasios Sinne. Solche unbewusst ablaufenden chemisch-biologischen Reaktionen dienen der puren Lebenserhaltung des Organismus. Zugleich registriert jedoch das Gehirn sehr genau diese körperlichen Vorgänge und repräsentiert sie in neuronalen Mustern. Diese wiederum werden von anderen Hirnzentren interpretiert, ein "neuronales Muster 2. Ordnung" entsteht, wirkt seinerseits auf den Körper zurück - und das nennt Damasio ein "Gefühl": die Angst.

Bewusstsein entstehe allerdings erst, meint Damasio, wenn das Gehirn die Entwicklung dieses Wechselspiels zwischen Kopf und Körper dokumentiere und beginne "eine Geschichte ohne Worte" zu erzählen. Damit beantworteten die neuronalen Schaltkreise gleichsam "eine Frage, die nie gestellt wurde" und die da lautet: Wem gehören, was bedeuten all diese Vorstellungen? Die Antwortet lautet: Das "Selbst" - für Damasio wird es gewissermaßen durch diesen Prozess erst geboren.

Die Kunst des Lebens ist ein Erfolg der Naturgeschichte

Ein poetischer Gedanke, und bei Damasio ist er vielfach begründet. An Patientenschicksalen, anatomischen Untersuchungen und Alltagserfahrungen bemüht er sich zu zeigen, wie das intime Wechselspiel von Körper und Gehirn zu der Fähigkeit des bewussten Erlebens führt. "Auf seiner einfachsten und grundlegendsten Ebene vermittelt uns Bewusstsein den unwiderstehlichen Drang, am Leben zu bleiben und ein Interesse am Selbst zu entwickeln. Auf einer hohen und komplexen Ebene hilft uns das Bewusstsein, Interesse am Selbst anderer zu entwickeln und die Kunst des Leben zu verfeinern", schreibt der Hirnforscher und philosophiert mutig darüber, dass diesen Prozess vermutlich die Evolution hervorgebracht habe, "weil die Kunst des Lebens einen Erfolg in der Naturgeschichte darstellt".

Und dennoch wird manchen Damasios Theorie unbefriedigt lassen. Denn die Frage, wie denn genau aus schierer Elektrochemie ein mentales Bild oder gar das individuelle Bewusstsein entsteht, wird nicht wirklich beantwortet. Zwar kann der Neurologe das Phänomen Bewusstsein in viele Einzelaspekte zerlegen und diesen bestimmte Hirnbereiche zuordnen. Überdies macht er eine Reihe von experimentell überprüfbaren Aussagen zum Wechselspiel von Gefühlen und Bewusstsein. Ehrlicherweise gibt Damasio aber zu: "Ich behaupte nicht, das Problem des Bewusstseins gelöst zu haben."

Zugleich zeigt sein Buch ein grundsätzliches Problem der Bewusstseinsforschung: Wie seine Kollegen entwirft auch Damasio ein eigenes Theoriegebäude mit individueller Nomenklatur, was Vergleiche mit anderen Erklärungsversuchen fast unmöglich macht. Während Damasio beispielsweise von "Kern-" und "erweitertem Bewusstsein" spricht, führt Gerald Edelman ein "primäres" und "höheres Bewusstsein" ein, der Philosoph Ned Block wiederum definiert "Access-" und "phänomenales" Bewusstsein - dabei handelt es sich nicht nur um verschiedene Worte, sondern auch um unterschiedliche Definitionen. Die entscheidende Frage ist daher nicht so sehr, ob Damasios Begriffe die Wirklichkeit beschreiben (das tun sie zweifellos), sondern ob sie sich im weiteren Verlauf der Bewusstseinsdebatte durchsetzen können. Das jedoch dürfte sich erst in einigen Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten zeigen.

Antonio R. Damasio:Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins; aus dem Englischen von Hainer Kober; List Verlag, München 2000; 456 S., 48,- DM

 
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