Ethik in der Medizin. Ein Reader herausgegeben von Urban Wiesing unter Mitarbeit von Johann S. Ach, Matthias Bormuth und Georg Marckmann, Reclam Verlag, Stuttgart 2000 390 S., 16,- DM.

Inzwischen ist die Medizinethik zu einer eigenständigen akademischen Disziplin geworden, die in Zeiten zunehmender Behandlungsoptionen, drängender Verteilungsfragen sowie einer Abkehr vom paternalistischen Arztverständnis Orientierung schaffen will. Ethik ist in der Medizin aber kein neues Thema.

Spezielle Verhaltensnormen für den Arzt wurden schon vor mehr als zwei Jahrtausenden in jenem Eid festgelegt, der traditionell - doch wohl zu Unrecht - Hippokrates zugeschrieben wird.

Urban Wiesing, in Tübingen Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Ethik in der Medizin, hat einen umfangreichen Reader zusammengestellt, der in 13 Abschnitten Texte für den Unterricht im Rahmen des Medizinstudiums sowie der Aus- und Fortbildung in anderen Heilberufen versammelt.

Den Kapiteln sind knappe, zum Teil sehr informative Einführungen vorangestellt. Dabei wird die auf dem Umschlag versprochene sorgfältige Kommentierung nur im Ansatz geliefert, und die Zuordnung der genannten ethischen Positionen zu den ausgewählten Texten tritt nicht immer deutlich hervor. Unzureichend ist der Zusammenhang von Einführung und Textauswahl zum Beispiel dann, wenn zu der Frage, "ob es gerechtfertigt ist, einen Embryo aufgrund einer vorliegenden Behinderung abzutreiben", kommentarlos ein Textauszug von Peter Singer abgedruckt wird. Ohne gezielte Lektürehinweise (zum Beispiel: Was bedeutet "minimales Risiko" bei fremdnütziger Forschung an nicht-einwilligungsfähigen Personen?) ist dieser Reader daher für den Selbstgebrauch nur von eingeschränktem Nutzen zum Einsatz in der Lehre ist dem Dozenten noch genügend Arbeit überlassen.

Erfreulich ist, dass neben dem breiten Spektrum geläufiger Themen wie Berufsordnung und Arzt-Patient-Verhältnis, Schwangerschaftsabbruch und Transplantationsmedizin, auch ein Kapitel zur Medizin im Nationalsozialismus aufgenommen wurde. Die prägnante Einführung zu diesem Abschnitt zeigt, dass dies aufgrund der Verdrängungshaltung der deutschen Ärzteschaft bis in die achtziger Jahre hinein kaum denkbar gewesen wäre. Auch der ehrliche Umgang mit der eigenen Vergangenheit ist ein Beitrag zur Ethik in der Medizin.