Hat sie's nicht gleich gewusst? Die Menschen in Hunter's Gap sind dumm, ignorant und langweilig, findet Melissa. Sie jedenfalls passt nicht in dieses Kaff, in diese Schule, zu diesen Leuten, die sich für nichts anderes interessieren als für ihr beschränktes kleines Leben. Noch zwei Ferienmonate und dann, endlich, zurück nach Philadelphia. An die Privatschule, die ihre Mutter für sie ausgesucht hat. Danach wird sie beginnen: die Karriere der unbestechlichen Reporterin Melissa Taylor Armstrong-Brown.

Hellwach sein, genau beobachten, die Welt sezieren und beschreiben - Melissa übt das täglich in Gedanken. Sie hält einiges von sich und ihren Fähigkeiten.

Die Zukunft? Etwas, was man planen kann. Etwa nicht? Psychologisch geschickt entfaltet die Amerikanerin Deborah Savage das Innenleben einer klugen 15-Jährigen, die gelernt hat, ihren Kopf zu gebrauchen und die eigenen Gefühle doch kaum buchstabieren kann. Warum nur findet sie diese Frau vom Vogelschutzzentrum so eigenartig faszinierend? Ist es die schroffe Direktheit, mit der Dr. Rhiannon Jeffries Menschen gegenüber auftritt? Oder eher die liebevolle Fürsorge, die sie den ihr anvertrauten Raubvögeln widmet?

Oder der augenfällige Kontrast zwischen beidem? Und was ist eigentlich mit ihren Eltern los, in deren Leben Melissa manchmal gar nicht recht zu passen meint? Verwirrt spürt das Mädchen, wie die Kälte zwischen ihrem Vater, dem charmanten (Lebens-)Künstler und ihrer Mutter, der ehrgeizigen Analytikerin, wächst. Dann wieder "konnten sie unerklärlicherweise in die gleiche Umlaufbahn wechseln. Und jedes Mal dachte ich dann: Sie lieben sich doch.

Sehr sogar."

Es ist kein unbeschwerter Sommer, den Melissa da erlebt. Wie auch, wenn so vieles von dem, was sie zu wissen glaubte, infrage steht. Nichts und niemand scheint mehr eindeutig, und die Rolle der außenstehenden Reporterin, auf die sie sich so gern zurückzieht, hilft ihr auch nicht weiter.

Behutsam und unspektakulär entwickelt sich diese Geschichte über Freundschaft, Familie und die grundstürzende Macht von Gefühlen, ohne je platt oder falsch zu wirken. Das liegt vor allem an der sprachlichen Genauigkeit, mit der die amerikanische Autorin vorgeht. Besonders eindrucksvoll gelingt so fast beiläufig das Porträt einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung, die wechselseitig von Distanz, Schuldgefühlen und der hilflosen Sehnsucht nach Nähe geprägt ist. "Manchmal werde ich die Melissa T. Armstrong-Brown, für die meine Mutter mich hält. Das fällt mir nicht schwer. Es ist, als würde ich ein Haus verlassen und sämtliche Türen hinter mir schließen. Wenn sie alle zu sind und ich draußen stehe, bin ich dieses andere Ich."