Leicht wie eine Feder durchstreift die junge Dalila die weiße Stadt Algier. Mal gibt die Studentin vor, in die Universität zu gehen, mal, mit einer Freundin eine Besorgung machen zu wollen. In Wirklichkeit trifft sie sich mit einem Mann. Von Anfang an hat sie wenig Interesse, diese Beziehung geheim zu halten. Ihre Liebe zu Salim kommt aus ganzem Herzen, und deshalb möchte sie sie offen zeigen. So bleibt die Sache den Frauen ihrer Familie nicht lange verborgen. Aber Dalila lehnt alle Angebote ab, die darauf hinauslaufen, altbewährte Arrangements für die Situation zu finden, um ihrem Bruder die Liebe zu verheimlichen. Weil sie nicht lügen will, ist sie bereit, sich einsperren zu lassen, und verbringt tatsächlich immer wieder viele Tage in ihrem Bett. Da Dalilas Familie sich schon halbwegs auf den Weg der Moderne begeben hat, trägt ihre Hartnäckigkeit jedoch Früchte. Sie beschließt einfach, dem Geliebten nach Paris zu folgen.

Heute kennen wir viele Romane von Autorinnen aus der islamischen Welt mit ähnlichem Inhalt. Hier aber haben wir es mit einem frühen, wenn nicht dem frühesten Werk dieses Genres zu tun. Dalila durchstreift noch das koloniale Algier, in der Mitte der fünfziger Jahre. Wer die Literatur der Zeit kennt, fühlt sich an Atmosphären erinnert, die Albert Camus beschrieb. Die Verwandtschaft zu Camus liegt jedoch auch noch woanders: Der eigentliche Spannungsbogen des Romans entwickelt sich an den unlösbaren Widersprüchen, die sich durch Dalilas Wahrheitsegoismus auftun.

Sprich nie über dich selbst! Oder sprich zumindest anonym Die Ungeduldigen war bereits der zweite skandalträchtige Roman Assia Djebars, den sie 1958, mit 22 Jahren, in Frankreich publizierte. Ein Jahr zuvor hatte die junge Algerierin - die eigentlich Fatima-Zohra Imalayèn heißt - bereits mit dem Roman Durst Furore gemacht, der voraussichtlich im kommenden Jahr wieder auf Deutsch verfügbar sein wird. Auch hier ging es um mehr als die erotische Selbstfindung einer jungen arabischen Frau. Kein Wunder, dass die französische Kritik das Werk mit Bonjour tristesse von Françoise Sagan verglich. Algerische Kritiker wollten die schriftstellernde "Hure" am liebsten exkommunizieren. Während Djebar - die damals als erste Algerierin überhaupt in Frankreich Geschichte studierte - Die Ungeduldigen schrieb, wurde ihr 17-jähriger Bruder wegen Beteiligung am Befreiungskrieg verhaftet.

Und wenige Monate nach der Vollendung des Romans nahm Djebar am Streik der algerischen Studenten gegen die Repressionspolitik Frankreichs teil und wurde aus diesem Grunde von der Universität relegiert. Sie ging dann nach Tunis.

Während Durst ganz unpolitisch ist, sind in Die Ungeduldigen hin und wieder Szenen eingeflochten, die das Recht der Kolonisierten auf Emanzipation unzweideutig einklagen. Dalilas "Egoismus" löst sich am Ende des Romans auf, indem sie begreift, dass nicht nur die versteinerten Familienverhältnisse, sondern auch die koloniale Situation den Menschen ein Leben in Unwahrheit aufzwingen. Damit teilt der Roman die für Algerier der damaligen Zeit typische Hoffnung, dass die Emanzipation von der kolonialen Situation auch die von den archaischen Familienverhältnissen mit sich bringen würde. Das sollte sich bald nach der 1962 erlangten Unabhängigkeit als Illusion herausstellen.

Dieser Tatsache hat sich Assia Djebar mit der Erfindung eines neuen literarischen Genres gestellt. Aus dem moralisierenden Wahrheitsrigorismus des Frühwerks wurde die Obsession einer Historikerin, die sich die Aufgabe der "Entschleierung" der Geschichte ihres Volkes gestellt hat. Sie sucht systematisch nach vergessenen schriftlichen, aber auch mündlichen Quellen, die sie mit romanesken und reflektierenden Passagen kombiniert. In Fantasia hat sie unter anderem aus alten französischen Armeearchiven erschütternde Dokumente über die Zeit der kolonialen Eroberung zusammengetragen, die aus dem Werk eine Art "Schwarzbuch" des Kolonialismus machen.

In anderen Büchern hat sie die Gebrechen des neuen Algerien mit beeindruckenden Dokumenten enthüllt: die fortgesetzte Unterdrückung der Frauen, die Unterdrückung der Berberkulturen, den islamistischen Fanatismus.