Zwischen dem Beginn der achtziger und dem der neunziger Jahre hatte die Ästhetik, die Lehre vom Schönen, in Deutschland Konjunktur. Es war ein Jahrzehnt intensiver Debatten nicht nur darum, wie Ästhetik zu betreiben sei, sondern vor allem auch: Worum es in der Ästhetik überhaupt geht und weshalb das wichtig ist. Diese Debatten sind in den letzten Jahren abgeflaut, an ihre Stelle ist die Arbeit am Detail getreten. Der richtige Zeitpunkt, so möchte man meinen, Rückblick zu halten und eine "Synopse" des Erarbeiteten zu versuchen. Das ist das erklärte Ziel des "historischen Wörterbuchs" der "ästhetischen Grundbegriffe", dessen erster von sieben Bänden jetzt erschienen ist und das von einer Gruppe von Literaturwissenschaftlern unter der Geschäftsführung von Karlheinz Barck herausgegeben wird: Es will das "gegenwärtige ästhetische Wissen in einem inter- und transdisziplinär angelegten Nachschlagewerk in begriffsgeschichtlicher Perspektive erschließen." Eine Bilanz soll gezogen werden - eine "Bilanz der Geschichte ästhetischen Denkens im Spiegel seiner Begrifflichkeit und vor dem Hintergrund der aktuellen Entgrenzung des Ästhetikbegriffs."

Wer nach dieser Ankündigung allein eine Sammlung gelehrter Überblicke in alphabetischer Abfolge erwartet, findet sich bei der Lektüre - ja, der Lektüre denn dieses Wörterbuch kann man lesen - aufs Interessanteste überrascht. Sicherlich, das Wörterbuch leistet auch das: Von "Absenz" bis "Darstellung" bietet es in seinem ersten Band zumeist souveräne Rekonstruktionen der Weisen und Formen, in denen in der Geschichte der Ästhetik über die Anschauung und den Dandy, die Anmut und das Chaos, die Architektur und das Bild gehandelt worden ist. Es tut aber weit mehr als das: Es führt im Verhältnis seiner verschiedenen Artikel eine höchst vielstimmige und kontroverse Debatte über die Sache der Ästhetik selbst. Das ist das eigentlich Überraschende an diesem Wörterbuch: Dass gerade hier, in dieser der Bilanz, dem Über- und Rückblick gewidmeten Gattung sich ein überaus lebendiger Streit der Positionen entfaltet. Das Wörterbuch wird zum Medium der Diskussion, bis zur offenen Polemik.

Etwas davon erahnen lässt bereits das Vorwort der Herausgeber, in dem auch, indirekt zwar, aber doch bemerkbar, die sehr verschiedenen Einflüsse zur Sprache kommen, die dieses Projekt bestimmt haben. Begonnen wurde es noch zu Zeiten der DDR an der dortigen Akademie der Wissenschaften, nach der Vereinigung dann fortgesetzt unter Beteiligung westdeutscher Wissenschaftler.

Eberhard Lämmert hat Recht, wenn er das Wörterbuch deshalb (auf dem Umschlag des Bandes) als "eines der überzeugendsten Beispiele gelungener Vereinigung" preist. Das ist es aber gerade deshalb, weil der Unterschied in den Interessen und Perspektiven, der mit diesen verschiedenen Herkünften verbunden ist, nicht verschliffen wurde.

Dieser Unterschied betrifft bereits die Konstruktion des Feldes, das dieses Unternehmen enzyklopädisch erschließen soll, des Feldes des Ästhetischen.

Zwar sind sich die Herausgeber mit den anderen großen begriffsgeschichtlichen Wörterbüchern der letzten Jahrzehnte darin einig, in der Mitte des 18.

Jahrhunderts einen "grundlegenden Bedeutungs- und Funktionswandel" der leitenden Begrifflichkeit anzusetzen erst von da an, als auch der Ausdruck selbst erfunden wurde, soll es "Ästhetik" im eigentlichen Sinn gegeben haben.