Mein Büro liegt im vierten Stock eines Gebäudes, das auf die Straße Paul VI., der Hauptstraße von Nazareth, dem Geburtsort Christi, blickt. Durch die große Fensterscheibe war zu dieser Nachmittagsstunde die römisch-katholische Bischara-(Verkündigungs-)Kirche in ihrer ganzen imposanten, erhabenen Architektur zu sehen. Eine erdrückende Stille lag an diesem Tag, dem 2. Oktober, über dem arabischen Teil Nazareths. Der Geruch von brennenden Autoreifen erfüllte die Luft, während in der Stadt die Angst davor spürbar war, was aus den Zusammenstößen hier und in den anderen arabischen Gemeinden wohl folgen würde.

Es war mir bis dahin unvorstellbar, was ich an diesem Tag durch die Fensterscheiben sah. Die Straße war leer bis auf einige wenige Passanten und Muslime, die sich zum Gebet an einem Ort gegenüber der Kirche eingefunden hatten. Der Knall von Gummigeschossen und scharfer Munition aus der Innenstadt drang bis zu uns und erschütterte unser Gehör, vor allem aus dem Viertel Mintaqat al-Ain, wo die Quelle liegt, an der Maria die Frohe Botschaft erhalten haben soll.

Doch plötzlich wurde klar, was vor sich ging. Eine große Zahl israelischer Polizisten, vereinzelte Grenzschutzbeamte sowie Einheiten einer Spezialtruppe Zur Bekämpfung des Aufruhrs unter den Arabern, zudem Scharfschützen verteilten sich auf die Straßen und Gassen der Stadt, eine beängstigende Szenerie, die zahlreiche Fragen aufwarf. Vom Büro aus beobachteten wir, wie sie begannen, sich auf dem zentralen Platz der Stadt und die ganze Hauptstraße entlang zu positionieren, von Kopf bis Fuß bewaffnet mit verschiedenartigsten automatischen Waffen, die mit Fernrohren und Nachtsichtgeräten bestückt waren. An ihren Händen baumelten Gummiknüppel.

Auch direkt uns gegenüber ließen sie sich nieder, auf den Dächern der benachbarten Häuser, an den Abzweigungen der Straßen sowie an den Ecken, und begannen auf alles zu zielen, was sich bewegte.

Dieses Schauspiel ließ nur den Schluss zu, dass Nazareth erneut besetzt wurde, und zwar auf eine Weise, die uns an die Ereignisse des arabisch-israelischen Krieges von 1948 erinnerte. Wir waren perplex. Wie konnte es sein, dass 52 Jahre nach Gründung des Staates Israel die Sicherheitskräfte die Stadt noch einmal besetzen wollten? Nazareth war kein Einzelfall. Dasselbe geschah in der zweitgrößten arabischen Stadt in Israel, Um al-Fahm, und in anderen Gemeinden.

Die Lage ähnelte einem Krieg in Israel selbst, denn die Polizei, die Spezialeinheiten und Scharfschützen feuerten auf die arabischen Bürger ihres Staates. Das Ergebnis waren 13 tote arabische Mitbürger, die meisten von ihnen Jugendliche, und einige hundert Verwundete sowie Dutzende von Verhaftungen. Ich weiß nicht, ob es auf der Welt einen anderen Staat gibt, der von sich behauptet, ein Rechtsstaat und eine Demokratie zu sein und dessen Polizisten mit scharfer Munition auf friedliche Demonstranten schießen und 13 von ihnen töten, nur weil sie ihr Recht auf politische Protestaktionen ausüben.

Was die Araber in der ersten Oktoberwoche in Israel erlebten, ist nicht zu trennen von der Lage in den palästinensischen Autonomiegebieten. Die Ereignisse sind nur vor dem Hintergrund des israelischen Versuchs zu verstehen, den Palästinensern und ihrer Führung eine Friedensregelung aufzuerlegen, die nicht auf Gleichberechtigung beruht. Den palästinensischen Arabern in Israel war klar, dass Barak und seine Regierung von der "Arbeitspartei" eine Regelung anstrebten, die auf einem Ungleichgewicht zwischen einem militärisch, technologisch und wirtschaftlich stärkeren Israel und einem belagerten und vergleichsweise wehrlosen palästinensischen Volk beruhen sollte.