Gregor Gysis Rückzug ist für die PDS nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende des Anfangs. Zehn Jahre hat er daran gearbeitet, die PDS in der Bundesrepublik zu etablieren. Nachdem seine Bundestagsrede zum 3. Oktober von allen Parteien beklatscht wurde - besonders laut vom einstigen Rote-Socken-Wahlkämpfer Helmut Kohl -, konnte er getrost abtreten. Genau wie Parteichef Lothar Bisky, nachdem er mit Gerhard Schröder zu Mittag gegessen hatte. Beide haben das Ankommen der PDS in der Bundesrepublik personifiziert, die auf dem Cottbusser Parteitag neu gewählte Spitze verkörpert nun das Angekommen-Sein.

In der Übergangszeit bildeten Leute wie Gysi, Bisky oder der Partei-Vordenker André Brie die erste Reihe - DDR-kritische Intellektuelle, die zwar der SED angehört hatten, zugleich aber Anhänger von Gorbatschows Perestrojka gewesen waren. Sie überdeckten seit 1990, wie rückwärts gewandt und verbohrt der größte Teil der PDS lange war. Die Mitglieder der neuen Führung haben ganz andere Biografien: Sie waren tüchtige, junge SED-Mitglieder, zwar mit Kleinigkeiten in der DDR unzufrieden, aber mit der Aussicht auf eine hübsche Karriere. Während der "Wende" von 1989 wandelten sie sich zu Reformern und sind längst pragmatische Demokraten geworden - der neue Bundestagsfraktionschef, Roland Claus, etwa oder Helmut Holter, der Vizeministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern.

Optisch jedoch sind die Neuen ein Rückfall in die alte Ostigkeit: Die Vorsitzende Gabriele Zimmer wird trotz Rhetorik-Kurs, modischer Frisur und flottem Tweed-Kostüm das Etikett der Zonen-Gabi nicht los. An ihrer Stellvertreterin Petra Pau klebt noch immer das Image der Pionierleiterin, die sie einmal war. Nur Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, der seinen biederen Schnauzbart Millimeter für Millimeter verschwinden ließ, hat sich geschmeidig eingepasst in die gesamtdeutsche Politikerlandschaft.

Der Generationswechsel an der Spitze der PDS bedeutet keine inhaltliche Kurskorrektur - im Gegenteil. Nur vier Stimmen gab es in Cottbus gegen den Leitantrag der neuen Führung - eine Mehrheit von 99 Prozent, wie einst bei der SED. Damit hatten selbst die Optimisten unter den Realos nicht gerechnet, schließlich enthielt das Papier Passagen, die früher heiß umkämpft waren.

Kritisiert wurden die orthodoxen Kräfte in der Partei, gelobt hingegen die Koalition von SPD und PDS in Mecklenburg-Vorpommern. Den Sozialdemokraten bot man gar eine weitergehende Kooperation und "mittelfristig ein Mitte-links-Bündnis" auf Bundesebene an.

Schon in ihrer Antrittsrede war Gabriele Zimmer überdeutlich. Sie griff die Kommunistische Plattform an und distanzierte sich vom alten Avantgarde-Anspruch der PDS. "Wer will, dass die PDS bleibt, kann nicht wollen, dass sie so bleibt, wie sie ist", rief sie, und die Delegierten applaudierten begeistert. Mit 93 Prozent der Stimmen wurde sie gewählt - ein Ergebnis, wie es ihr Vorgänger Bisky nie erreicht hatte.

Die PDS liebt die neue Vorsitzende. Von "der Gabi" lässt sich die Basis Dinge zumuten, die sich "der Gregor" nie hätte erlauben dürfen. Ihn bewunderten die einfachen Parteimitglieder wegen seines Charismas, aber genau deswegen war er ihnen dann auch wieder unheimlich, gerade darum blieben sie immer misstrauisch. Deshalb war letztlich auch Gysis Antrag zu UN-Friedenstruppen auf dem Münsteraner Parteitag so desaströs gescheitert - er hatte sich der Partei zu sehr entfremdet. "Die Gabi" dagegen ist wie die Basis selbst. Sie verströmt ostdeutsche Nestwärme.