Seine Gedichte heißen Nach Empedokles und Nach Meister Eckhart, Buddha, Christus und Hiobs Schuld, Bei der Lektüre Fromms oder auch Blindes? Taubes?

Stummes?. Es handelt sich um lyrische Notate mit aphoristischem Einschlag und existenzphilosophischer Thematik, um lakonische (Selbst-)Befragungen, Gedankensplitter, Zustandsbeschreibungen. Die Sprache als Vehikel von Profanem und Heiligem, die Liebe als Medium verstörend glückhafter Nähe, das Skandalon der zum Stadtbad umfunktionierten Synagoge - darüber dichtet Krynicki auf denkbar schlichte Weise, im Ton spröder Feststellung, elegischer Reminiszenz oder gebetshafter Invokation. Hinter der gelassenen Konzentriertheit seiner Verse ahnt man Schwerarbeit: die Kunst des Sondierens und Sortierens, der Aussparung.

Ryzard Krynicki (Jahrgang 1943), alles andere als ein Vielschreiber, verfügt über ein schmales, doch konzises OEuvre damit ist er zu einer der wichtigsten lyrischen Stimmen Polens geworden. Hinzu kommen seine bedeutenden Übertragungen von Paul Celan, Nelly Sachs, Bert Brecht und anderen, für die er kürzlich in Krakau mit dem Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet wurde. Und dass er seit zehn Jahren den exquisiten kleinen Verlag A5 leitet, erfährt man eher auf Umwegen. Ebenso bescheiden wie wortkarg gibt Krynicki wenig über seinen Aktivitäten preis.

Dem deutschen Leser wurde er 1991 mit der bei Suhrkamp erschienenen Gedichtauswahl Wunde der Wahrheit bekannt. Der von Esther Kinsky betreute Band Stein aus der Neuen Welt versammelt ältere und jüngere Verse, was aus den spärlichen Datierungen freilich nur diskret hervorgeht. Ohnehin wäre es müßig, Krynickis lyrische Miniaturen unter dem Gesichtspunkt einer Entwicklung zu lesen in ihrer wesentlichen Reduziertheit sperren sie sich gegen Launen und Trends, gleichen vielmehr zeitlosen Stenogrammen im Kontext abendländischen Literaturdialogs.

Was nicht heißt, dass Krynicki dem Thema der Historie, zumal der politischen, ausweicht. Vor allem der Holocaust ist in vielen Gedichten traumatisch präsent, so in den Paul Celan gewidmeten Fragmenten aus dem Jahr 1989: "stumm, / mit bedecktem Haupt, / stehe ich, den Kiesel im Mund, / vor der Mauer aus Feuer / und Vergessen // gezählt / zu den Helfern / des Todes // nimm die Asche von mir / nimm mir die Last nicht meiner / Schuld, lass mich ans / andere Ufer der Wunde / bringen: die Buße, // die Trauer // Morgengrauen, in der Farbe der Seine, / Farbe von Wermut und Galle // dein nun mehr Niemandskörper / fließt vom Nirgends ins Nirgends."

Feuer, Vergessen, Wunde, Asche gehören zu den wiederkehrenden Chiffren einer Verstrickung, die sich allenthalben sichtbar-krass manifestiert: "... auf dem Messeparkplatz / ist keine Spur mehr vom jüdischen Friedhof." Krynicki setzt der Verdrängung seine leisen, mitunter (selbstan-)klagenden Sätze entgegen, die sich über Negation und Paradoxie an eine mögliche Evidenz herantasten.

Trotzdem bleibt jede Aussage vorläufig und prekär, weil das sprechende Ich keinerlei Autorität für sich reklamiert. "Jemand, Kaspar Hauser? / Nicht mehr, jemand wie eines von meinen / gescheiterten Ichs, stummer Minotaurus, / träumte mir, träumte mich heute / nacht, auf der versteinerten Wanderschaft / durchs Labyrinth der unterirdischen Bahnen, Flöte // aus Bandagen und Schlacke."