Sie hatte alles, was eine große Reporterin und Publizistin ausmacht: ein scharfes Auge, den untrüglichen Sinn für das Wesentliche, einen unabhängigen Geist und natürlich eine kraftvolle Sprache. Obendrein besaß sie Humor und Temperament. Sie war eine vehemente Wahrheitssucherin und Moralistin in den Zeiten der Lüge und Verkommenheit zwischen 1933 und 1945 und des widerwärtigen Freund-Feind-Denkens im Kalten Krieg.

Wie gerne wäre man mit ihren Texten, ja, mit einem solchen journalistischen Vorbild aufgewachsen. Aber nein: Erst jetzt sind sie zugänglich, und man staunt, wie viele mit den Worten "Erstveröffentlichung" oder "deutsche Erstveröffentlichung" gekennzeichnet sind. Großer Dank dafür an Irmela von der Lühe, deren sehr lesenswerte Erika-Mann-Biografie 1994 erschienen ist (ZEIT Nr. 50/94), und Uwe Naumann, die Erika Manns Glossen, Aufsätze, Reden und Reportagen von 1928 bis 1969 unter dem Titel Blitze überm Ozean bei Rowohlt veröffentlicht haben.

Erika Mann (1905 bis 1969), "verwöhnte und verrückte Tochter" des Dichterfürsten Thomas Manns, hatte 1943 begonnen, ihre Autobiografie zu schreiben, sie aber nie beendet: Ausgerechnet ich - das Fragment wird hier zum ersten Mal veröffentlicht. Dem "Familienfluch" der Schriftstellerei wollte sie entrinnen und wurde zunächst Schauspielerin. "Wenn ich bekannt war", schrieb sie selbstironisch, "war meine Schauspielerei kaum dafür verantwortlich. Ich war zuerst einmal die Tochter meines Vaters. Außerdem war es mir nie richtig gelungen, mich zu entscheiden, was ich tun wollte (...)

Natürlich wollte ich auf die Bühne (...) Aber ich wollte auch schreiben und an Autorennen teilnehmen und die Welt sehen und Reporterin sein. Seit kurzem und sehr zu meinem eigenen Erstaunen wollte ich mich sogar politisch äußern."

Sie tat schließlich alles. Kurvte als Schauspielerin auf Tournee und als Rennfahrerin durch Europa und mit Bruder Klaus um die Welt in den wilden 20 Jahren, die sie noch unbeschwert und unpolitisch genoss. Unterwegs schrieb sie, um Geld zu verdienen, Glossen und Schmonzetten unter anderem für die Berliner Tageszeitung Tempo, die noch heute ein Lesevergnügen sind. Die Pfeffermühle, die sie seit 1932 mit Klaus Mann und der großartigen Schauspielerin Therese Giese gegründet hatte, sollte eigentlich ein literarisches Kabarett sein, "aber kaum hatte ich mich an das Abenteuer des Chansonschreibens gemacht, musste ich erkennen, dass die Politik ins Spiel kam." Ihre Botschaft ans Publikum lautete: "Diese Nazis sind komisch. Aber sie sind auch böse. Wollen Sie lachen? Tun Sie das! Aber lachen Sie nicht nur! Kämpfen Sie! Kämpfen Sie zusammen ..., bevor die Komischen und die Bösen Sie verschlucken!" Am 1. Januar 1933 war Premiere in München, zweieinhalb Monate später verließ Erika Mann Deutschland und kehrte erst im Frühjahr 1945 zurück, als Kriegskorrespondentin mit britischem Pass und im Offiziersrang der US-Armee. "Keine Spur von Schuldgefühl" fand sie unter den geschlagenen Deutschen, stattdessen: "Penetrantes Selbstmitleid." Mit bitterstem Sarkasmus sezierte sie die "innere Emigration, diese stolze Bruderschaft", deren Held der Dichter Werner Bergengruen, "jegliche deutsche Schuld in einem Meer menschlicher Sündhaftigkeit aufzulösen" trachtete. Über das befreite Berlin schrieb sie: "Noch nie zuvor waren wir auf solch gigantische Verwüstung gestoßen ... Es ist ein Alptraum, wie er noch nie geträumt wurde ... auf eine schreckliche Art gerecht und logisch."

Welche Odyssee hat sie da schon hinter sich, wie viele Kämpfe und Anfeindungen noch vor sich! Gleich zu Beginn ihre Emigration, in einem Züricher Café sitzend, beschwichtigende und Hitler verharmlosende Kommentare im Ohr, hatte sie versucht, zu verstehen, warum die Katastrophe ihren Lauf nahm und in Krieg gipfeln würde. Nicht "Politik und nicht Unwissen", so notierte sie damals, waren der Kern des Problems - "Deutschland unterlag dem Nazismus wegen der moralischen Trägheit und wegen des mangelnden Vorstellungsvermögens seines Volkes." Und Europa? Die Politiker in ihrer streng "realistischen" Weltanschauung, so fürchtete sie, würden das Fantastische nicht begreifen - "Realisten glauben nicht an den Teufel. Kinder schon." Und mit "kindischer Hartnäckigkeit" zog sie reisend und schreibend in den Kampf gegen die Nazis. Von den Theaterbühnen Europas, die sie mit ihrer Pfeffermühle bespielte und - seit 1937 - von Hunderten von Rednerpulten in Amerika, sandte sie ihre Botschaft, klärte auf: "Das Böse kann nicht beschwichtigt werden es muss bekämpft und vernichtet weden."

Im März 1937 begann sie ihre Karriere als lecturer in den Vereinigten Staaten. Vor über 20 000 Zuhörern verlas sie ein Telegramm ihres Vaters und sprach über "die Frau im Dritten Reich", konfrontierte die Ideologie mit der Wirklichkeit und entlarvte die Inhumanität der Nürnberger Gesetze, indem sie deren bürokratischen Irrsinn zitierte. Sieben Jahre lang reiste sie mit dem Zug insgesamt 140 000 Meilen durch das riesige Land und sprach zu rund 200 000 Menschen in women's clubs, Schulen, Universitäten - eine "ebenso unterhaltsame wie einsame Existenz", die sie amüsant und mit schöner Selbstironie in zwei Artikeln (und in einem Brief an die Mutter Katia - "das Lecturn ist der Eri Lust") beschrieb.