Endlich erinnert ein Mahnmal an eine lange verschwiegene Barbarei der medizinischen Forschung unter Hitler: Auf dem Campus des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch, dem früheren Sitz des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung, wurde am letzten Wochenende eine Skulptur enthüllt, die an die Opfer der Euthanasie erinnert.

In Berlin-Buch hatte der damalige Leiter des Instituts, Julius Hallervorden, die Gehirne von über 600 Getöteten untersucht, wohl wissend, dass es sich um Euthanasieopfer handelte. Ende 1942 berichtete er enthusiastisch an die DFG, die seine Forschungen unterstützte, er habe "im Laufe dieses Sommers 500 Gehirne von Schwachsinnigen selbst hier sezieren" können. Die Präsidenten der beiden seinerzeit verstrickten Forschungsorganisationen - Hubert Markl von der Max-Planck-Gesellschaft und Ernst-Ludwig Winnacker von der DFG - sprachen zur Einweihung von der "bleibenden Schande der deutschen Biowissenschaften" (Markl). "Im Namen der Wissenschaft", so Winnacker, "und mithilfe der DFG sind in diesen Projekten Menschen zu reinem Versuchsmaterial degradiert worden." Markl wies die alte Rechtfertigungsfigur zurück, die Wissenschaft habe lediglich passiv von dem NS-Regime profitiert: Die Hirnforschung an Euthanasieopfern zeige, dass Wissenschaftler sich "zum aktiv handelnden Teil des Regimes gemacht" haben. Hallervorden hat mindestens einmal selbst an einer Vergasung teilgenommen und nachher die ermordeten Kinder seziert. Der DFG-Präsident verwies auf die jüngsten Forschungsvorhaben zur Aufarbeitung der Vergangenheit: Er habe zwei Arbeitsgruppen eingesetzt, die unter der Leitung von Ulrich Herbert und Rüdiger vom Bruch die Rolle der DFG im Nationalsozialismus ergründen sollen. Winnacker nannte die DFG unmissverständlich einen "Teil des Hitler-Staates". Jens Reich, der seit 30 Jahren in Buch arbeitet, schreibt anlässlich des Mahnmals (von Anna F.

Schwarzbach, es zeigt ein geschädigtes Kind): "Wir sollten uns hüten, die Forscher, die in Buch Gehirne einforderten oder ohne Frage nach der Herkunft gedankenlos mit ihnen forschten, als brutale Mörderbestien vorzustellen. Sie waren das nicht. Sie waren unsere Kollegen. Sie waren so wissensneugierig und auf Forscherruhm bedacht wie wir heute auch. Sie vertraten die Positionen der damaligen Wissenschaft, und wir können uns nicht dahinter verstecken, dass es schlechte Wissenschaft gewesen wäre. Sie haben nicht das Ethos des Naturwissenschaftlers, sondern über der Lust an der Wissenschaft den Sinn medizinischen Forschens verraten. Ich denke schon, dass das Denkmal uns mahnen sollte: dass es zwischen edler Wissenschaft und Barbarei nicht die unüberschreitbare Grenze gibt, sondern eine Übergangszone, in die wir sehr leicht hineingeraten oder anderen den Weg dahin bahnen können."