Ein Märchen, es beginnt harmlos, heiter. Die kleine Wolke, himmelblau, glücklich, unbekümmert von Launen und Drohgebärden der schwarzen Blitz- und Donnerwolken, macht den lieben Tag lang, was sie will. Schwirrt mit den Zugvögeln, gleitet über Ozeane, schwebt über Berggipfel, wird größer, immer größer. Die Menschen gründen "Blaue-Wolken-Fanclubs", kreieren den blauen Look für Textil und Design und treiben ihre blödsinnigesoterischen Rituale um ein neues Wunder: das herrlich blaue Wesen - hoch am Himmel.

Nach endlosen Tagen des Glücks verwandelt Ungerer schlagartig die himmelblaue Kulisse in einen Albtraum. Mit Entsetzen erkennt die Wolke, wie sich Mord, Totschlag, Feuer und Rauch unter den Menschen ausbreiten: Krieg.

Ungerers Leben war geprägt davon. Schon als Kind hat er gezeichnet, was er sehen und erleben musste: Panzer, Bomben, brennende Städte, getötete Menschen. In seinem grandiosen OEuvre zeigt der geniale Satiriker bis heute in immer neuen Cartoons für kritische Erwachsene die uralte Geschichte von Hass und Gewalt. Er sei kein Pessimist, nur ein genauer Beobachter, sagt Tomi Ungerer zu seinen tiefschwarzen, sarkastischen Karikaturen.

Hier im Märchen für Kinder aber entwirft Ungerer ein freundliches, sanftes, glückliches Ende. Hier fasziniert den Leser ein weiser Künstler. Ein Moralist? Ja, allerdings ohne die Blässe fader Tugendwächter, weil grafischer Witz ihn vor der Langeweile des Sittenapostels bewahrt.

Die tapfere blaue Wolke sieht Elend, Chaos, Hass und Feuer unter den Menschen. Gewaltige Ströme von Wasser fallen vom Himmel, die freundliche Wolke ergießt sich bis zum letzten Tropfen auf die mörderischen Feuer, löscht den brennenden Hass. Stiftet Frieden. Nur schöne Utopie? Auf dieses "nur" hat Nicolas Born geantwortet: Ob Kritiker eigentlich wüssten, mit welcher "Vernunft" sie die Arbeit besorgen, wenn sie die Utopie einer besseren Welt als Idylle denunzieren. Wer seinen Traum von einer besseren Welt verrät, ist toter als Stein. L'imagination au pouvoir!

* Tomi Ungerer: Die blaue Wolke A. d. Engl. von Anna Cramer Klett Diogenes Verlag, Zürich 2000 40 S., 26,90 DM