Die Dame vor mir stoppt, als hätte sie plötzlich das Fegefeuer erblickt.

Ängstlich schiebt sie sich zur Seite, drückt sich an die Wand und sagt: Gehn Sie vor! Ihre Knie sacken ein. Kommen Sie, sage ich so lässig, als wäre ich James Bond, das schaffen wir schon. Hier ist alles o.k. Cool schiebe ich sie einfach vor mir her. Sie fügt sich. Und dann betritt sie die Business Class des Airbus, als erwarte sie, dass der Boden einbricht.

Ich begleite eine Gruppe von Flugängstlichen, wie die Aviophobiker von Therapeuten liebevoll genannt werden, beim inneren Body-check. Die zehn Kandidaten sind Teilnehmer an einem zweitägigen Seminar für entspanntes Fliegen. Die Münchner Agentur Texter-Millott veranstaltet es gemeinsam mit der Lufthansa. Die Dozenten: Psychotherapeuten, die am Wochenende ein Zubrot verdienen wollen. Lerninhalt: Sinn und Unsinn von Angst und wie diese zu überwinden oder wenigstens leichter zu ertragen ist. Die Lufthansa steuert einen eloquenten Flugkapitän bei, der launig das Prinzip des Fliegens erklärt und warum es gänzlich ungefährlich ist - im Vergleich zu anderen Fortbewegungsmethoden.

Die Schauplätze des Seminars wechseln. Zunächst wird in Konferenzräumen auf den Flughäfen gelernt, später in Maschinen am Boden.

Warum der Lufthansa angstfreie Passagiere am Herzen liegen, ist rasch erklärt: Aviophobiker sind schlechte Kunden. Sie reisen per Auto, Bahn - oder gar nicht. Wie beispielsweise der holländische Fußballstar Dennis Bergkamp.

Der verzichtet bei weiten Anreisen zu Fußballspielen seines Clubs Arsenal London auf die Teilnahme, was seinen Verein bei Champions-League-Spielen Millionen kosten kann. Nach einer amerikanischen Untersuchung könnten allein in den USA die Fluggesellschaften jährlich zwei Milliarden Dollar zusätzlich einnehmen, würden die Flugangsthasen sich überwinden mitzukommen. Und nach den Katastrophen dieses Sommers erhöht sich die Nachfrage der Geplagten rapide.

Die Gruppe, die in Hamburg nach etlichen Stunden geistiger Vorbereitung und körperlicher Entspannungsgymnastik die Gangway einer Maschine zum ersten Kalt-Test hochstakst, besteht aus vier Frauen und sechs Männern. Menschen, die vor Angst noch nie geflogen sind, aber auch solche, die regelmäßig fliegen, freilich unter Höllenqualen.