Freddys schnellste Nummer, Balanceakt und Zugriff: Als der Tommy-Lkw ihn überholt, tritt er in die Pedale und hängt sich dran. Fester Griff an der Ladeklappe, Fahrrad mit den Beinen in den Straßengraben stoßen, dann Muskelspiel, und schon ist der Artist unter der Plane verschwunden. So macht man Beute in lausigen Zeiten: Ladung sichten, und - wupp, wupp, wupp - alles in den Straßengraben. Jetzt nur noch abwarten, abspringen und alles einsammeln.

Aber diesmal zieht der 15-jährige Jungunternehmer eine miese Bilanz: Das Fahrrad, eine "Leihgabe" von Fritz, ist demoliert, und in den Kartons der britischen Armee steckt nichts als Seife, "gelbe, stinkige Seife" in Kompaniestärke. Freddy eiert durch die Gegend, mal wieder keiner unterwegs: "Wenn man Freunde braucht, sind sie nicht da, dachte er und erinnerte sich sofort, dass er nach allem, was passiert war, niemanden sehen wollte."

Hermann Schulz' neuer Roman versetzt uns in die Zeit nach dem Krieg, in die fünfziger Jahre, in die Welt des kleinen Dorfes Rheinkamp im Ruhrgebiet.

Milieustudie, Dorfkrimi und Liebesgeschichte - alles verwebt sich im ruhigen Rhythmus der Erzählung. Balanceakt und Zugriff: Freddy Halstenbachs Suchbewegungen in der Welt, aufgezeichnet mit dem Abstand des Erzählers, festgehalten mit der Intensität einer Nahaufnahme. Der Roman ist historisch, sein Held vital und präsent.

Freddy lebt zusammen mit seiner Tante Emma Halstenbach. Sein Vater war noch zum Volkssturm eingezogen worden und ward dann nie mehr gesehen. Seine Mutter starb nach dem Krieg. So kam der Neffe zur Tante: "Freddy und Emma waren eine Art Notgemeinschaft. Sie hatten einen mühsamen Anfang, denn sie waren hilflos im Umgang miteinander." Ihr Verhältnis pendelt: Zuneigung und eine Nähe ohne Worte einerseits, Angst und Fremdheit andererseits. Sie zweifelt an sich und an dem Jungen: "Er war verstockt, verlogen und berechnend."

Wir lernen den anderen Freddy kennen. Trotzig und wortkarg ist nur die Kehrseite des Tumults seiner Sehnsüchte. Er will hinaus aus der Enge des Dorfes, in die Weite der Welt. Und es gehört zum schönen Geheimnis dieses Roman, dass sein Held dann in die Welt gerät, ohne die Enge des Dorfes zu verlassen. Auch durch Gassen führen eigene Wege: Freddy, der eigenwillige Unzufriedene, sucht und findet Freunde. Den elternlosen Jungen zieht es zu Erwachsenen, die ihn Ernst nehmen. Ein Grund, warum er bei den Taubenzüchtern mitmischt.

Ein Ereignis gerät wie ein Leuchtfeuer in die Erzählung. Sirenen und Blaulicht in der Nacht: Der Hof der Zinkes steht in Flammen. Freddy steht vor dem Inferno: "Die Kühe lagen mit verrenkten Hälsen angekettet auf dem Rücken, die Beine steif in den Flammenhimmel gestreckt, die Bäuche gebläht, als habe sie jemand aufgepumpt." Und an der Wand im Stall, von den Flammen beflackert, sieht Freddy ein gerahmtes Marienbild. Das holt er sich am nächsten Tag, als er im verrauchten Schutt stochert: "Das ist eine überirdische Kunst, dachte er." Freddy Weltentdecker und seine inneren Ekstasen. Das Bild wird ihn begleiten, ein rätselhafter Bedeutungsträger, den er wie einen Schatz hortet, bis ihn die Polizei einzieht.