Ja ist denn dieser Schmutzkübel immer noch nicht ausgeleert und ausgeschrieben?, werden sich manche Leser mit Jelinek-Erfahrung an den Kopf fassen. I wo, dieser Kübel ist doch ein Zauberfass ohne Boden. Ziehn S' halt den Kopf oder den Schwanz ein, wenn's Eahna net gfällt. Es ist nun mal die österreichische Art der Gefühlskanalisation, den eigenen Dreck auf die Leute zu kippen, die gerade vorbeikommen. Am schönsten immer mitten ins Gesicht.

Das nennt man Schmähkultur. Da sitzt so ein Mütterchen (Handke, Bernhard, Haderer, Deix, Muehl, Schwab) hinter der Gardine und sieht sich was, und schon - rabauz, rabumm - kommt die Schlamm-Mure herunter.

Elfriede Jelinek ist so eine klassische, unten festgezurrte Fensterguckerin, unten, wo die kaltgepressten Gefühle hausen. Die Welt zieht an einem vorbei.

Aber die Welt ist ja nicht schön. Da geht so ein Tier, Mann, Mörder der Frauen. Und da noch eins. So ein blonder, brutaler, lockiger Traum. Das ist der Gendarm Kurt Janisch. Auf den fliegen die Frauen, "ich mag ihn jetzt schon nicht". Aber so sind sie ja, die Frauen, "derart triebhaft, das gibts nicht ... Sie drängen sich ja am liebsten um die Gewalttäter, der Gendarm weiß das." Sie sagen, was für ein Glück es für sie ist, dass er jetzt da ist, und reißen sich die Bluse auf. Er braucht sie nur mit der Kelle rauszuwinken, der Kurt, und schon wollen sie ihm ans Hosentürl, schon wollen sie ihn "mit dem eigenen Fleisch bewirten". Besonders die Enttäuschten in mittleren Jahren "können es gar nicht erwarten, sich auf das Kompletteste aufzudrängen", wie die Gerti, die ehemalige Fremdsprachenkorrespondentin und Nebenberufspianistin, die aus der Großstadt in dieses hübsche Alpental gezogen ist. Kaum hat sie ihn gesehen, setzt sie "ihn schon gleich mit Gott und wird ... krank vor Liebe". Tagelang könnte die Gerti "unter diesem Menschen stillhalten", auf den sie immer schon gewartet hat. Er ist vielleicht etwas wild, etwas ungehobelt, der Mann. Zerrt sie an den Haaren durchs Zimmer, schmeißt sie in ihrem eigenen Haus nackert vor die Kellertür, stülpt ihr den Rock über den Kopf beim Beschlafen. Bitte geh nicht, bitte bleib doch, bleib doch für immer, bettelt sie dann. Das ist "ihr Hobby". Da haben sie nach Jahrtausenden endlich gelernt, sich selbst zu suchen, und dann finden sie sich "ausgerechnet in so einem". "Blöde Kühe, die Frauen", denkt der Gendarm.

Er kann gar nichts mit ihnen anfangen. In ihm ist gar "kein Platz für irgendeine Frau". Nur für Häuser und Kapitalanlagen. Das ist nämlich sein Hobby: Häuser und Eigentumswohnungen mit schöner Aussicht erben von einsamen Damen. Aber umsonst ist nix. Er "würde sie am liebsten in Fetzen reißen", diese Gerti. "Kampfhahn-geschmückt, mit seinem kleinen roten Helm, kommt sein Schwanz stattdessen, weil sie es sich wünscht, zu Gerti herein, lieber ginge er woandershin. Und wenn er schon mal steht, kann es ihm gar nicht schnell genug gehen, damit es wieder vorbei ist. O je, schon vorbei?"

Wie die Frau im Tagbau der Ehe abgebaut und verheizt wird Fürs Erste soll's damit genug sein. Sind wir doch schon mittendrin im neuen Jelinek-Roman Gier. Eine Art Fortsetzungsgeschichte von Lust, ihrem vexierenden Bestseller von 1989, in dem die Geschlechtsfrontberichterstatterin mit bebender Zunge schildert, wie ein Fabrikdirektor Namenlos sein "schweres Geschlechtsgerät", seinen "Lendenwagen", seinen "wilden Karren" unablässig "in den Dreck der Frau" fährt, sein "zappelnder Zapfen", sein "Trumm Wurst" immerfort "in ihrem schlummrigen Geschlecht" wühlt, kurz: wie die Frau im Tagbau der Ehe abgebaut und zu Asche verheizt wird.

Dieses Beben, die Zungenbläschen und fliegende Hitze dieser Sprache sind nun dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Aber nicht der bös glimmende Blick der Fensterguckerin auf den Abort Welt, auf das Molekül, ja Ridikül, das der Sprachgebrauch emphatisch "Mann und Frau" nennt. Der operative Vorgang geht also weiter, diesmal als: OV Gendarm. Man liest ja in den vermischten Nachrichten immer wieder solche Geschichten von Ordnungshütern, die ihre schöne, sichere Stellung missbrauchen und selber krumme Dinger drehen. Dieser hübsche Freund und Helfer hier missbraucht aus Habgier, aus Liebe zu ihren Häusern deren Eigentümerinnen, Frauen, die sich ihm brünstig an den Hals werfen, bitte, greifen Sie zu, vollstrecken Sie Ihren Zwang! Und wenn eine "ihm etwas einbrocken" will, aus Eifersucht, wie die minderjährige Gabi, bei der er sich doch nur von der Gerti ein bisschen erholen will, dann nimmt es ein böses Ende. Für die Gabi, nicht für den Polizisten. Dem kann keiner was.