Im Spätherbst 1815 brach Jan Graf Potocki von einer Zuckerschale (nach anderen Quellen von einem Samowar) ein silbernes Zierkügelchen ab, befahl seinem Hauspfarrer, es zu segnen, lud seine Pistole mit der soeben gesegneten Kugel und erschoss sich. Das geschah auf seinem Landgut Uladowka, wohin er sich die letzten Jahre seines Lebens zurückgezogen hatte. Wie es die Überlieferung will, ist eine gesegnete silberne Kugel eins der beiden sichersten Mittel, einen Vampir zur Strecke zu bringen (das zweite, von Hollywood bevorzugte, ist bekanntlich ein Pfahl ins Herz). Was für ein Ungeheuer wollte er in sich töten? Was für eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen? Und wem?

Oder hatte der 1761 geborene Sprössling polnischer Magnaten, ein in der Schweiz zur Schule gegangener Europäer, ein Gelehrter, der den Werten der Aufklärung und des Rationalismus sein ganzes Leben treu blieb, einen Grafen Dracula in sich entdeckt, einen finsteren oder auch lebenslustigen Balkan-Feudalherrn, mit roten Lippen, blass und hager? Steckten zwei Persönlichkeiten in ihm, und die eine verurteilte die andere und richtete sie hin?

Graf Potocki sprach Französisch entschieden besser als Polnisch und verfasste auch seinen berühmten Roman auf Französisch. Heute ist er fast ausschließlich als Autor von der Handschrift von Saragossa bekannt. Doch für seine Zeitgenossen war er ein hoch gestellter Politiker, ein großer Wissenschaftler, ein auffallender Sonderling. Er bereiste die halbe Welt (West-, Süd- und Osteuropa, Ägypten, Türkei, Kaukasus, Mongolei) und veröffentlichte Reiseberichte, die sich durch kühne geschichtliche, archäologische und gesellschaftliche Beobachtungen und Schlussfolgerungen auszeichneten. Er wollte eine Landkarte von Sibirien anfertigen, die das 4.

Buch von Herodot erläutern sollte. Man kann ihn als einen der ersten Slawisten ansehen, da er nach der Ursprache und den Wurzeln aller Slawen suchte. Wie seine schwindelerregenden etymologischen oder archäologischen Hypothesen belegen, waren die Slawen für diesen schillernden Polen offensichtlich so exotisch wie Araber oder Tscherkessen. Er betätigte sich als polnischer Politiker und als russischer Diplomat. Er befuhr mit den Malteserrittern das Mittelmeer und unterhielt enge Kontakte zu Freimaurern.

Das alles führte zu zahlreichen Legenden über ihn. Manche hielten ihn auch einfach für verrückt.

All das und vieles, was darüber hinaus zu seiner Persönlichkeit gehört, nimmt in seinem Roman eine wunderliche Gestalt an, fügt sich zu einem Buch, das ein hinreißender Abenteuerroman ist, eine Sammlung ineinander verschachtelter Geschichten und zugleich eine Enzyklopädie voller halb vergessener historischer Ereignisse und Anekdoten, ethischer und theologischer Abhandlungen. Die Rahmenerzählung hält sich an die Route des jungen flandrischen Offiziers Alfonso van Worden, von Andújar nach Madrid. Der Weg geht über die Bergkette Sierra Morena, ein malerisches, aber verrufenes Gebiet. Laut ängstlichen Gerüchten sollen hier Gehängte als Gespenster und Vampire herumgeistern, Räuber wüten, schmuggelnde Zigeuner ihr Unwesen treiben. Doch der junge Alfonso ist nicht so erzogen, dass er Angst zeigen dürfte. Natürlich wird er in der Sierra Morena zum Spielball mysteriöser Kräfte. Er begegnet in einem verlassenen Gasthaus zwei schönen Mauretanierinnen, die sich als seine Cousinen ausgeben und ihm mit der naiven Liebeslust erster Jugend einen fantastischen Traum vorgaukeln, aus dem er neben zwei Leichen unter einem Galgen erwacht.

Wer den Roman zum ersten Mal liest, verfängt sich in den unzähligen Fallen des verschmitzten Autors. Alfonso trifft immer neue arme Opfer, die von zwei Dämonen in Gestalt schöner Frauen verführt wurden und dann unter dem Galgen enden. Der Leser wird von der Logik des Schauerromans mitgerissen und stellt sich auf ein grauenhaftes Märchen in der Art einer Gothic Novel ein. Doch Alfonso bleibt standhaft, glaubt nicht an übernatürliche Kräfte und findet schon am 10. Tag seines 66 Tage dauernden Abenteuers die Erklärung für die merkwürdigen Vorkommnisse. Er ahnt, dass er auf die Probe gestellt wird, und obwohl die Ziele dieses Schauspiels immer noch unklar sind, beruhigt er sich und lässt sich mit großem Vergnügen auf weitere Wagnisse ein. Am 66. Tag erfahren wir, dass Alfonso von der mächtigen Familie Gomelez geprüft wurde, um festzustellen, ob er des märchenhaften Reichtums samt der schönen Frauen würdig ist, mit denen die Gomelez ihren Verwandten beschenken wollen. Das gigantische Karussell des Romans wurde lediglich zu diesem Zweck in Gang gesetzt.