Seit der vergangenen Woche gibt es in Deutschland eine traditionsreiche Wochenzeitung weniger: das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt. Die in Hamburg erschienene Wochenzeitung ist damit genau 52 Jahre, 8 Monate und 13 Tage lang ausgeliefert worden. Sie galt, besonders in den siebziger und achtziger Jahren, als liberales Blatt und als kleine Schwester der ZEIT. Jetzt soll sie als monatliche Beilage - so wollen es die Verleger - unter anderem Namen in ihrer großen Schwester ZEIT (ebenso wie in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Rundschau und der Sächsischen Zeitung) erscheinen.

Die letzten 30 Jahre gehörte das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt der evangelischen Kirche in Deutschland. Man kann es seitdem - vergleichbar der Partei- und Gewerkschaftspresse - zum Institutionenjournalismus zählen.

Im Rückblick hat der ehemalige Chefredakteur Eberhard Maseberg dem Herausgeber Kirche einen "breiten Rücken" attestiert. Er meint damit die weitgehende Redaktionsfreiheit. Aber von Anfang an war nicht zu übersehen, dass das Sonntagsblatt im Verlauf seiner Geschichte von einer eher nationalkonservativen Haltung über eine linksliberale unabhängige Position immer mehr in den Sog der Kirche und ihres Selbstdarstellungsinteresses geraten ist.

Der Gründer, Bischof Hanns Lilje, und sein erster Chefredakteur Hans Zehrer haben anders als Gerd Bucerius auf Kontinuität gesetzt. Die Geburt dieser später als liberal eingestuften Zeitung stand im Zeichen nationalkonservativer Kontinuität, nicht in dem eines demokratischen Neuanfangs.

Die politische Öffnung kostete Abonnenten

Ein Glücksfall für die Redaktion war, dass der Theologe Heinz Zahrnt sich sozusagen neben der Chefredaktion profilierte. Zahrnt, der von den Alliierten "geschenkten" Nachkriegsdemokratie und der historischen Wissenschaft verpflichtet, gab der verjüngten Redaktion um Eberhard Maseberg (Chefredakteur) und Günther Mack (stellvertretender Chefredakteur) den notwendigen Rückhalt, die damalige Ostdenkschrift der evangelischen Kirche nachhaltig bekannt zu machen und zu unterstützen. Inzwischen hieß das Blatt nicht mehr einfach Sonntagsblatt, sondern Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt. Und es gab einen Untertitel, der das herrschende Selbstverständnis noch unterstrich: Unabhängige Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur.

Dieser Entwicklung wollten aber große Teile der angestammten Leserschaft nicht folgen. Die Auflage, 1964 noch höher als die der ZEIT, begann zu fallen. Die politische Entscheidung für die Ostdenkschrift und die Sympathie für die Politik Willy Brandts, der mehrfach Gast am Mittelweg 111 in Hamburg gewesen ist, hat, wie Eberhard Maseberg heute analysiert, "Abonnenten gekostet". Man könne sich heute nicht mehr vorstellen, so Maseberg, "welchen Aufstand das damals gab. Es ist nicht nachweisbar, aber wahrscheinlich, dass Axel Springer wegen der Ostdenkschrift aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist." Fortan machte die Zeitung ein Blatt gegen einen großen Teil der Leserschaft und auch der Kirche. Seit Anfang der siebziger Jahre kam das DS, wie es dann lange Zeit geheißen hat, in die Hände der evangelischen Kirche. Sie begann das defizitäre Blatt zu subventionieren.