Was Heinrich I. angeht, so wird man viele umstrittene Fragen nie beantworten können: Wurde er überhaupt in Fritzlar gekrönt? Einzig Widukind behauptet es.

Geschah es 909 oder 910? Und war die Schlacht bei Riade an der Unstrut, wo Heinrich mit seinem Reiterheer die Ungarn in die Flucht schlug, überhaupt bedeutend? Doch nicht nur wegen dieser Tat wurde Heinrich gerühmt, sondern fast mehr noch, weil er "Deutschland" den "Weg nach Osten" geöffnet habe: Mehrmals überschritt er mit seinen Reitern die ostfränkische Elbe-Saale-Grenze, unterwarf zahlreiche slawische Stämme, stieß bis zur Oder und nach Böhmen vor und eroberte Branibor, das spätere Brandenburg.

Der Heinrich-I.-Mythos entstand Anfang des 19. Jahrhunderts. Es war der chauvinistische Vorturner Friedrich Ludwig Jahn, der den Deutschen zwei Nationalheroen empfahl: den "Volksheiland" Hermann den Cherusker, der im Jahre 9 die Römer besiegt hatte, und den "Staatsretter" Heinrich I. wegen seines Sieges über die Ungarn. Auf den Turnerabzeichen prangten die Zahlen 9 (Hermannsschlacht) und 919 (Krönung in Fritzlar). In seinem Buch Das deutsche Volksthum von 1810, der Pflichtlektüre für alle Burschenschaftler, präludierte Jahn bereits die Auslese- und Rassenpolitik der Nazis: Da gibt es neben den "Edelvölkern der Erde", zu denen die Deutschen gehören, den verächtlichsten "Auskehricht des Menschengeschlechts". Jahns Bewunderer, der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt, Professor in Greifswald und später in Bonn, plädiert denn auch schon 1815 für die Rasse-Reinheit der Deutschen.

Auch ließ der mit Jahn befreundete Historiker Leopold von Ranke 1834 eine Preisfrage zu Leben und Taten Heinrichs I. ausschreiben, weil dessen Epoche für Bildung und Weltstellung des deutschen Reiches "eine unermeßliche Bedeutung" habe.

Die Heroisierung Heinrichs hat allerdings im 19. Jahrhundert nur eine schmale bürgerlich-akademische Schicht erreicht. Am eindrücklichsten wirkte wohl noch Richard Wagners Oper Lohengrin nach, worin König "Heinrich der Vogler" in allen drei Aufzügen erscheint

er belehnt den Gralsritter Lohengrin mit dem Herzogtum Brabant, dessen Heeresbann er für den Kampf gegen die Ungarn bedarf. Lohengrin verheißt dem König einen großen Sieg: "Nach Deutschland sollen auch in fernen Tagen / Des Ostens Horden nimmer ziehn."

Etliche Historiker und Schriftsteller haben die Anfänge des berüchtigten "Drangs nach Osten" in Heinrichs Epoche verortet. Doch ihm und den drei folgenden Ottonen-Kaisern ging es vorrangig um Tribute, Beute, Versklavung der slawischen Frauen und Kinder und, im Bund mit den Bischöfen, um die Taufe der Heiden. Eine gezielte "Ostpolitik" indes gab es nicht. Die große Ostwanderung der Flamen, Holländer und Deutschen begann erst im 12.