Jahrhundert und währte rund 200 Jahre.

Preußische Historiker, allen voran Heinrich von Sybel, beklagten die Italienzüge der deutschen Kaiser im Mittelalter. Statt ihre Kräfte in der stickigen Luft Italiens zu verschleudern, hätten sie lieber den ganzen Norden und Osten Europas erobern sollen. Diese professorale Kritik wurde im wilhelminischen Kaiserreich auch noch dem letzten Schüler eingepaukt. Einen schwer messbaren, jedenfalls enormen Einfluss hatten auch die Schriftsteller Gustav Freytag (Bilder aus der deutschen Vergangenheit) und Victor von Scheffel (Ekkehard) mit ihrer Propaganda für die Ostkolonisation. Die Auflagen ihrer Romane und populärhistorischen Darstellungen gingen in die Hunderte.

Dennoch rührte sich kaum etwas im deutschen Volke. Statt "Nach Ostland geht unser Ritt" hieß es "go west": Zwischen 1850 und 1920 wanderten allein 5,5 Millionen Deutsche nach Amerika aus! Auszuwirken begann sich die unterschwellige Ostlandsehnsucht erst nach dem Ersten Weltkrieg, als Deutschland den so genannten Korridor zwischen Pommern und Ostpreußen an Polen abtreten musste und eine Million Deutsche ihre Heimat verließen. Der Alldeutsche Verband und der Deutsche Ostmarkenverein, beide in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegründet, konnten jetzt mehr denn je das Volk indoktrinieren. Schon 1914 hatten sie viele Schullehrer auf ihre Seite gezogen. Nun war die Generation jener Freiwilligen herangewachsen, die sich 1919 zum Kreuzzug gegen Petersburg meldeten. Angelockt hatte man sie durch das Versprechen, sie erhielten Siedlungsland in Kurland.

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Angeführt wurden die "Baltikumer" von General Rüdiger Graf von der Goltz, der Anfang 1918 Finnland von den Russen befreit hatte. Doch der "Bolschewistenschreck" wurde im Herbst 1919 auf Drängen der Alliierten von der Reichsregierung abberufen

danach zog er durch die Republik und warnte vor dem "furchtbarsten Feind der Menschheit". Als er München besucht, sitzt unter den Zuhörern der junge Student der Agronomie Heinrich Himmler.

Begeistert schreibt er in sein Tagebuch: "Wenn im Osten wieder ein Feldzug ist, so gehe ich mit. Der Osten ist das Wichtigste für uns. Der Westen stirbt leicht. Im Osten müssen wir kämpfen und siedeln." Er beginnt sogar, Russisch zu lernen. 1923 schließt er sich dem obskuren Artamanenbund an, der den "Menschenstrom" von der Stadt aufs Land und von Westen nach Osten umdirigieren will.