Im November 1923 beteiligt sich Himmler an Hitlers Münchner Putsch. Sein Weg ist vorgezeichnet. Im Januar 1933, nun schon Chef der SS, begleitet er seinen "Führer" beim Wahlkampf in Lippe. Das "Land Hermanns" und des Sachsenführers Widukind begeistert ihn so, dass er hier nach einem Ort sucht, wo er eine "Reichsschule SS" einrichten könnte. Im Herbst 1933 besichtigt er die mittelalterliche Wewelsburg bei Paderborn, ein Jahr später wird sie ihm schon feierlich übergeben.

Dabei war Himmlers Blick zunächst gar nicht auf Heinrich I., sondern auf den Sachsenherzog Heinrich den Löwen gefallen

er sollte zur Symbolfigur für die neue Ostexpansion werden. 1935 ließ er im Braunschweiger Dom das Grab des Herzogs öffnen und - war bitter enttäuscht. Im Sarg lag das Skelett einer kleinen, zierlichen Person, das einen deutlich erkennbaren Hüftschaden aufwies. So hatte sich Himmler den "Löwen" nicht vorgestellt. Immerhin bot sich ein Anthropologe an, der erkärte, das Hüftleiden sei nicht angeboren, sondern Folge eines Reitunfalls. (Erst in den siebziger Jahren fand man des Rätsels Lösung: Die Nazis hatten versehentlich den Sarg von Heinrichs Frau geöffnet.)

Nun kam Heinrich I. ins Spiel. In der Stiftskirche von Quedlinburg sollte 1936 der König an seinem 1000. Todestag gefeiert werden. SS-Brigadeführer Reischke, Chef des Rasseamtes, entdeckte dieses "Geschenk des Himmels" und setzte Himmler in Kenntnis. Der Reichsführer beschloss sofort, die Regie an sich zu reißen. In einer großen Rede vor den Spitzen des Regimes wollte er ein Bekenntnis zu Heinrich ablegen. Seine Institution "Ahnenerbe" beschaffte ihm "historisches Material". Zudem traf es sich gut, dass gleich zwei Heinrich-Biografien auf den Markt gekommen waren. Die eine stammte von dem Historiker Alfred Thoss (der später im Krieg bei der Waffen-SS dienen wird), und schon der Titel spricht für sich: Heinrich I. - der Gründer des Deutschen Volksreiches. Die andere hatte der SS-Abteilungsleiter Franz Lüdtke verfasst, der auch Reichsführer des Bundes Deutscher Osten war. Sein Buch König Heinrich I. wurde, obwohl sehr propagandistisch geraten, sogar von der Fachwissenschaft ernst genommen. Hermann Heimpel (in den sechziger Jahren Direktor des Max-Planck-Instituts für Geschichte) hat es ausgiebig rezensiert. Mit Lüdtke nennt er Heinrich den ersten deutschen König, auf den die Wissenschaft "ihre einmütige Liebe und Verehrung vereinigt" habe.

Himmler war begeistert und zitierte in seiner Rede einige leicht veränderte Sätze aus Lüdtkes Werk, den König als einen "der größten Schöpfer des Deutschen Reiches" preisend. Ein Kranz wurde auch am Steinsarg der Königin Mathilde niedergelegt, "diesem Vorbild höchsten deutschen Frauentums".

Künftig sollten die Deutschen jährlich zu dieser "Weihestätte" wallfahren.

Hatte Himmler in seiner Rede noch tief traurig bekannt, dass die Gebeine des Königs verschwunden seien, konnte er sie ein Jahr später plötzlich präsentieren. Zu mitternächtlicher Stunde wurden sie in der Krypta bei Fackelschein und Orgelspiel in einen neuen Sarkophag gebettet