Europa stand auf dem Gipfel seiner Macht und seines Reichtums. Der rasante Ausbau des Eisenbahn- und Telegrafennetzes hatte die Nationen zusammenrücken lassen, die internationalen Geschäfts- und Handelsbeziehungen blühten. Dennoch: Es herrschte viel Argwohn und Rivalität, insbesondere Großbritannien fühlte sich durch Deutschlands maritimen Ehrgeiz herausgefordert.

Unter der Oberfläche des zivilen Europa war eine zweite, eine militärische Struktur gewachsen. Hier brüteten Fachleute Tag und Nacht über der Frage, wie viele Infanteriedivisionen bei 20 Kilometer mittlerer Marschleistung pro Tag und 27 Kilo Marschgepäck in welcher Zeit von einem Ort an einen andern befördert werden konnten. Anhand des europäischen Schienen- und Straßennetzes entwickelten sie immer gewaltigere Aufmarschpläne, die im entscheidenden Moment aus der Schublade geholt werden würden. Der Haken an der Sache war, dass niemand mit Sicherheit zu bestimmen wusste, wann der entscheidende Moment gekommen war.

Die Logik der Planungen basierte auf der Annahme, dass ein Heer, das nicht rechtzeitig losschlug, noch in der Mobilmachungsphase vernichtet werden konnte. Da alles Militärische als Geheimnis gehütet wurde und keines der Planspiele eingebettet war in das, was man ein nationales Sicherheitskonzept hätte nennen können, drohten Mobilmachungen deshalb von einem gewissen Zeitpunkt an zum Selbstläufer zu werden. Je länger eine Krise schwelte, desto mehr musste der Politik das Gesetz des Handelns entgleiten jede Krise, die nicht politisch gelöst werden konnte, musste fast zwangsläufig zu einem allgemeinen Krieg führen.

Deutschland stand aufgrund seiner geografischen Lage dabei unter einem besonderen Druck. Ausgehend von der Annahme, dass Russland vergleichsweise viel Zeit benötige, um zu mobilisieren, hatte der Chef des Großen Generalstabs Schlieffen kurz vor seiner Pensionierung 1905 in einer Denkschrift Grundzüge "für einen schnellen Sieg in einem kurzen Krieg" entwickelt. Der Schlieffenplan sah vor, dass die deutschen Truppen in einem großen Schwenk über das neutrale Belgien vorrücken und am 42. Tag nach der Mobilmachung mit einem Sieg über Frankreich dieses Ziel erreichen sollten.

Wie viele deutsche Divisionen ließen sich in den Radius der Schwenkung hineinzwängen, ohne dass sie ins Gedränge kamen und sich gegenseitig behinderten? John Keegan, der führende britische Militärhistoriker, hält den Schlieffenplan aufgrund seiner weitreichenden Konsequenzen für "das wichtigste amtliche Dokument der letzten hundert Jahre".

Vier Wochen nach den tödlichen Schüssen auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo schien der Zwischenfall noch immer eine bilaterale Angelegenheit zwischen Österreich und Serbien zu sein.

Erst mit Ablauf des österreichischen Ultimatums an Belgrad am Abend des 25.