Der Chef muß Fleischesser sein" (Jacques Derrida). "Der Fleischhunger der Industrienationen ist grenzenlos" (Jeremy Rifkin). "Macht ist Verfügungsgewalt über Fleisch" (Elias Canetti). "Unser täglich' Fleisch gib uns heute" oder "Die Frau ißt kein Fleisch. Sie ist Fleisch - und damit Nahrung für den Mann" (Nan Mellinger). So oder ähnlich klingen vertraute Charakteristiken unserer Kultur, deren Stellenwert zwischen Diagnose, Denunziation oder beschwörendem Menetekel allerdings nur schwer zu bestimmen ist.

Auch die statistischen Erkenntnisse der florierenden Fleischforschung sind im Gedächtnis: Jeder Deutsche verzehrt im Lauf seines Lebens 30 Schweine. 40 Prozent der Männer, aber nur etwas über 20 Prozent der Frauen in Deutschland essen täglich Fleisch. Ein Amerikaner, Angehöriger der fleischhungrigsten Nation der Welt, konsumiert täglich 200 Gramm Fleisch freilich nur ein Viertel dessen, was ein Steinzeitmensch vertilgen - und zuvor erjagen - musste, um zu überleben. Angesichts all dessen stellt sich, mit einem Blick auf die Fleisch fressende Welt, eine Reihe von Fragen ein: Warum ernährt sich ein Deutscher von Hühner-, Schweine- und Rindfleisch, ist auch einer Wachtel nicht ganz abgeneigt, verschmäht aber Hunde- und Pferdefleisch ebenso wie Insekten, die doch ebenso gut seinen Proteinhaushalt decken könnten? Warum genießt er - in abwärts gestufter Beliebtheitsskala, die freilich schon innerhalb der europäischen Nationen variiert - Leber, Nieren, Zunge, Bries, Hirn und allenfalls Kutteln, verweigert aber mit Abscheu das Auge eines Hammels oder die Hoden eines Stiers als Speise? In welcher Weise überkreuzen sich ökologische und ernährungspraktische mit religiösen Argumenten, wenn es darum geht, das Verzehrverbot von heiligen Kühen in der indisch-buddhistischen Kultur, von Schweinen im Judentum und im Islam, umgekehrt aber die Verzehrbereitschaft von Pferdefleisch bei den Franzosen zu begründen?

Aus der Kapitalisierung des toten Tiers und dem Konsum von dessen Fleisch scheinen Lust und Angst zugleich zu erwachsen und zwar so stark wie vielleicht noch in keiner anderen Kultur zuvor. Denn jene Techniken des Fortschritts, die eine bisher ungeahnte Produktion von Fleischreserven garantieren, treiben aus sich zugleich auch die Gefährdungen hervor, die den Fleischverbrauch zwar nicht merklich reduziert, dafür aber mit panischer Angst besetzt haben. Da ist zum einen die Gentechnik, die eine unkalkulierbare Veränderung der Futterpflanzen für Rinder, Schweine und Geflügel herbeigeführt hat da sind Antibiotika und Wachstumshormone im Einsatz, deren Auswirkungen nicht abzuschätzen sind - wie bei dem Rinderwachstumshormon BST da wird verseuchtes Tiermehl verfüttert, wodurch die so genannte Traberkrankheit Scrapie sich auf das Rind und den es verspeisenden Menschen überträgt.

Nan Mellingers Studie Fleisch, die hier zu besprechen ist, nimmt die bedrohte Nahrungslandschaft der Gegenwart zum Ausgangspunkt, um den Ausprägungen und Funktionen des Kulturthemas "Fleisch" in der Menschheitsgeschichte nachzugehen: und zwar bis auf dessen prähistorische Ursprünge zurück. Dabei eröffnet das Buch (im Rückgriff auf die Forschung) drei verschiedene Perspektiven auf das Thema "Fleisch": eine evolutionshistorische, eine kulturanthropologische und eine ernährungsgeschichtliche.

Der Aasfresser Mensch hat sich zum Jäger entwickelt Als Rahmen dient Nan Mellinger ein historisches Großschema, das - für den Anfang der Menschengeschichte - eine Jäger-und-Sammler-Kultur in Anschlag bringt, die dann, vor etwa 10 000 Jahren, in eine Agrargesellschaft überzugehen begann und schließlich, seit ungefähr 200 Jahren, zur eigentlichen Moderne, als einem Ensemble von Industriegesellschaften, geführt hat. Im Laufe dieser Geschichte, so Mellingers These, hat sich der genetisch disponierte Fleischfresser Mensch vom Aasvertilger allmählich zum Jäger entwickelt.

Der Paläontologe André Leroi-Gourhan hat in seinem Buch Hand und Wort gezeigt, wie dem Menschen mit der Ausbildung der Hand zu Werkzeug und Waffe der Übergang von der Treibjagd zur Pirschjagd gelingt wie der Mensch aus der Rolle des Beutetiers in diejenige des Raubtiers hinüberwechselt. Ein Überlebenskampf, in dem sich auch die Geschlechterrollen in der Kultur herauszubilden scheinen: als die Zuordnung der Welt des Fleisches und des Tötens an den Mann und Jäger, der Verwaltung des Getreides, als Nahrung und als Saatgut, an die Frauen. Auf eine für die kulturelle Entwicklung entscheidende Dreistufigkeit in diesem Prozess hat der Altphilologe Walter Burkert aufmerksam gemacht: Das Szenario von der "gerechten Verteilung" des Fleisches verwandelt sich in die rituelle Opferzeremonie, als eine Form des Sich-ins-Verhältnis-Setzens der Menschen zu den Göttern die Konkurrenz zwischen Tier- und Menschenopfer gewinnt eine entscheidende Rolle für die versöhnende Gabe an die Götter das Fleischopfer aber wirkt auf die Entstehung der anti ken Tragödie ein: als ein Opferspiel, als das "Bocks-Opfer", wie der Name tragoida nahe legt.

Die griechische Tragödie, als das vielleicht größte Wunder in der Entstehungsgeschichte der europäischen Kultur, wird damit zu jener Institution, in der die athenische Demokratie ihr Ordnungs- und Schicksalswissen gestaltet, reflektiert. Moira, das griechische Wort für Fleischportion, wie sie beim gemeinsamen Mahl zur Verteilung kommt, deutet zugleich auf die Moiren, die archaischen Schicksalsgöttinnen, die als die "Fleischverteilerinnen" den Menschen ihre Portion an Leben zukommen lassen.