I N T E R N E T U N D F E R N S E H E N Das "Giga"-Prinzip
Die NBC-Europe-Sendung ist die erste gelungene Verbindung von Fernsehen und Internet. Und eine interessante Talentschmiede
Wer hat mein Zlatko-Tape gelöscht?" Emily Whigham ist aufgebracht. Da hat sie sich die Mühe gemacht und den Big-Brother-Star mit einem Kamerateam zum Interview aufgesucht, und dann hat irgendeiner ihrer Kollegen eine Kassette gebraucht und die Aufnahme überspielt. Zlatko muss dann wohl ausfallen.
So etwas kommt vor bei Giga. Was bei anderen Sendern vielleicht zum Rausschmiss führen würde, das wird hier achselzuckend hingenommen. Dann machen wir halt was anderes, Themen gibt es genug.
Giga ist kein Fernsehsender, sondern eine fünfstündige tägliche Live Show, die in diesen Tagen ihren zweiten Geburtstag auf dem Kabelkanal NBC Europe feiert. Zusammen mit der nächtlichen Wiederholung und der einstündigen Flirtsendung Heartbeat bestreitet Giga inzwischen 11 von 24 Stunden des NBC-Tages, ab November kommen mit der Computerspielshow Giga Games noch zwei weitere Stunden dazu. Vom Restprogramm des Senders sind nur die aus den USA übernommenen Talkshows der Entertainer Jay Leno und Conan O'Brien erwähnenswert. NBC ist praktisch Giga, auch wirtschaftlich: Der deutschen Firma DFA, die das Programm produziert, gehören 75 Prozent des europäischen NBC-Ablegers.
Fünf Stunden live jeden Tag - das ist für jemanden, der Fernsehmachen vom NDR oder auch von RTL her kennt, unvorstellbar lang. Eine Armada von Mitarbeitern wäre bei den großen Sendern nötig, um ein solches Programm-Marathon zu absolvieren. Bei Giga produziert ein 80-köpfiges Team die beispiellos billige Show für junge Leute. Das Rezept: Übers Internet werden die Zuschauer - oder User - in die Sendung eingebunden und bestreiten einen Großteil des Programms. "Von der Struktur her ist unsere Sendung 30, 35 Minuten lang", sagt Ollie Weiberg, 30, der Kopf von Giga, offizielle Amtsbezeichnung: Programmdirektor. "Ob wir daraus fünf oder zehn Stunden machen, ist eigentlich ziemlich egal."
Die tägliche Redaktionskonferenz ist von erfrischender Kürze. Gerade eine halbe Stunde brauchen die Redakteure und "Netzreporter", um ihre Themen vorzustellen. Fünf Bereiche hat die Sendung, die im Studio durch Schreibtische mit schicken Flachbildschirmen repräsentiert werden: Stars, Netbeat, Sport und Fun, Games und Help nennen sie sich im trendigen Denglisch. Damit werden all die Interessengebiete abgedeckt, die ein junger Mensch heute so hat. Und die Sensationen des Zwischenmenschlichen findet das pubertierende Publikum in der angeschlossenen Online-Community.
Die Netzreporter tragen ihr Programm zusammen: Emily hat eine Website aufgetan, auf der Muttermale und Hautunreinheiten von berühmten Stars zu begutachten sind. Dazu sollen dann die Giga Friends draußen an den Computern Fotos ihrer eigenen körperlichen Besonderheiten per E-Mail beisteuern. "Und dann haben wir noch ein paar Fotos vom Kleid von Jennifer Lopez aus The Cell", erzählt die 24-jährige Amerikanerin, "das gibt wieder ein paar PIs."
PIs steht für page impressions, die Zahl der abgerufenen Seiten im Internet. Sie sind die Währung, in der der Erfolg von Giga gemessen wird. Denn Einschaltquoten gibt es nicht. Die werden bei Mini-Sendern wie NBC nicht erhoben, weil sie unterhalb der Nachweisgrenze liegen. Die PIs dagegen lassen sich sehr genau messen, sogar für jeden einzelnen Beitrag. 503292 waren es gestern, verkündet Marketingchef Markus von Luttitz auf der Redaktionskonferenz.
Wenn das Rotlicht angeht, wird einfach weitergemacht
In Sport und Fun soll es heute um das Trinkgelage einer bulgarischen Wasserballmannschaft gehen. Netbeat berichtet über das Musiktauschprogramm Napster. In Help wird die neueste Version des E-Mail-Programms Eudora vorgestellt. Versehen mit einem dünnen Fahrplan aus diesen und noch ein paar anderen Themen, nehmen die Netzreporter an ihren Schreibtischen im Studio Platz. Meldungen werden geschrieben, das Netz wird nach neuen Nachrichten durchsucht- die Recherche geht auch dann weiter, wenn die Sendung schon läuft. Und kaum jemand schaut auf, wenn Punkt 15 Uhr zum ersten Mal das Giga-Jingle ertönt und sich zwei Kameras auf die Moderatorin Sumitra Sarma richten.
Die 23-Jährige hat eine typische Giga-Karriere hinter sich: geboren in Göttingen, Europäisches Abitur in Brüssel, Grafikdesignstudium in London, unzählige Praktika in Werbung, Design und Medien. Vier Sprachen fließend, darunter das indische Telugu. Und es erübrigt sich wohl zu sagen, dass Sumitra dabei atemberaubend aussieht und mit traumwandlerischer Sicherheit vor der Kamera agiert. "Giga ist eine Art Talentstation", sagt Ollie Weiberg. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt bei 23, die journalistischen Qualifikationen stammen eher aus der Schülerzeitung denn aus einem klassischen Volontariat. "Wir casten Typen, keine Lebensläufe", so Weiberg. Eine geregelte Ausbildung bietet auch Giga den neuen Mitarbeitern nicht. Dafür aber die Aussicht, auch als Praktikant nach wenigen Wochen on air zu gehen. Ein paar Monate Giga, und der Umgang mit der Kamera wird zur zweiten Natur. Während in der einen Ecke des Studios die Live-Aufnahme läuft, wird in der anderen munter drauflosgeschwatzt. Aber sobald das Rotlicht der auf sie gerichteten Kamera aufleuchtet, reden sie alle ganz professionell und ohne Teleprompter in vollständigen deutschen Sätzen. So manchem öffentlich-rechtlichen Moderator könnte ein Praktikum bei Giga ganz gut tun. Daher wird einigen Giga-Netzreportern schon jetzt eine Karriere bei den Großen prophezeit. Davon jedenfalls ist Ollie Weiberg überzeugt. In den Träumen des Giga-Chefs moderieren seine Schützlinge bereits Samstagabendshows bei RTL. Allerdings tun sie auch gut daran, sich bald einen Nachfolgejob zu suchen, denn länger als drei bis vier Jahre will Weiberg die Mitarbeiter bei Giga nicht sehen - dann würden sie zu professionell. Sich selbst nimmt er von dieser Pensionsgrenze ausdrücklich aus.
Giga ist eine neue Form von Fernsehen. Mit der Jugendsendung erfüllt sich die Prophezeiung der Medientheoretiker, dass das TV dabei ist, zum Nebenbeimedium zu werden. Kein Giga-Macher erwartet, dass die Kids Punkt 15 Uhr den Fernseher einschalten und bis 20 Uhr dabei bleiben. Die Verbindung von Fernsehen und Internet bringt ein Medium hervor, das frappierend dem heutigen Radio ähnelt: ein steter Programmfluss, in den man jederzeit einsteigen kann. Sogar das stündlich sich wiederholende Häppchen-Sendeschema, die hot clock, ist dem Radio entlehnt. Wer sich etwa für den neuesten Starklatsch nicht interessiert, der muss nicht länger als fünf Minuten warten, und schon kündigt ein so genannter Bumper, ein visueller Jingle, das nächste Thema an.
Und so ist die typische Giga-Zuschauerin, die "Heike aus Wuppertal", die die Programmmacher vor Augen haben, zwischen 14 und 20 Jahre alt, sitzt nachmittags zu Hause vor dem Computer und macht Schularbeiten, vielleicht sind auch ein paar Freunde da, während nebenbei der Fernseher läuft. Wenn sie etwas interessiert, dreht sie den Ton hoch oder schreibt eine spontane E-Mail an die Giga-Redaktion.
Giga ist nicht nur eine neue Jugendsendung, sondern ein neues Prinzip: die erste gelungene Verbindung von Fernsehen und Internet zu einer interaktiven Show. Dieses Prinzip lässt sich auch auf andere Inhalte und andere Zielgruppen übertragen. So hatten die Macher im New Media Center im Düsseldorfer Hafen schon daran gedacht, ein interaktives abendliches Magazin rund um Wirtschaftsthemen aus der Taufe zu heben. Aber ist das "erwachsene" Publikum jenseits der 29 schon reif dafür? Die Pläne für Blue (so der Arbeitstitel) liegen auf Eis. Jetzt startet man erst einmal Giga Games für den bewährten jugendlichen Zuschauerkreis. Außerdem bildet Giga lokale Ableger seiner Flirtshow Heartbeat.
Obwohl in der Form innovativ, ist Giga inhaltlich eher konventionell - ein bisschen Bravo, ein bisschen Viva, angefüttert mit Computer- und Internet-Themen. Die Moderatoren sollen, so Weiberg, "den Leuten ein positives Gefühl geben". Da wirkt schon ein Beitrag über die Aktion Schulen ans Netz wie ein Fremdkörper, mag der Außenreporter die Schüler auch noch so cool präsentieren. Über jene Seiten des Lebens, die nicht hip und positiv sind, erfährt man eher auf der Website von Giga etwas als in der Sendung. Im vergangenen Jahr wurde eine 22-jährige Zuschauerin bei einem Verkehrsunfall getötet. Giga richtete daraufhin eine Kondolenzseite ein.
Während in der Community im Netz "sogar über Politik" diskutiert werde, findet Weiberg, dass sich manche Themen für die Sendung einfach verbieten. "Man kann nicht über ein amerikanisches Schulmassaker reden, und danach kommt die Achselhaarrasur von Britney Spears. Das macht man nicht. Und das vermissen die Leute auch nicht bei uns."
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