Wir sitzen in einem Restaurant im Herzen der Stadt Ponte Lima. Und vor uns sitzt der Graf von Calheiros. Er ist Bürgermeister der Stadt. Aber deshalb sind wir nicht hier. Francisco de Calheiros, dieser hoch gewachsene, gnadenlos eitle Mann, dessen Mobiltelefon öfter klingelt als das eines Brokers kurz vor Börsenschluss, ist Präsident von Turihab. Turihab ist eine Zweckgemeinschaft alteingesessener Familien, die ihre Herrenhäuser und Landsitze für Touristen öffnen. Wer hierher kommt, sagt der Graf, sucht Ruhe, liebt die Lebensart der Portugiesen und meidet Discotheken. Um Gästen Ruhe zu bescheren, steht der Graf im Stress. Ganz einfach.

Zurück zum Anfang dieser Reise. Der Nachmittag hat sich mit Licht und Schatten über den Marktplatz gelegt. Hier in Carminha. Wo die Zeit aus den Angeln ist. Wo das Vieh seine Schutzheiligen hat und die Kühe während der Prozession gleich hinter dem Baldachin laufen. Der einzige Fortschritt ist der Kondomautomat neben der Eingangstür der Apotheke. Ansonsten Mittelalter. Carminha liegt im Norden Portugals, am Mündungsufer des Minho, an der Grenze zu Spanien. Die Gegend ist katholisch wie keine andere im Land. Und entlegen. Nicht umsonst heißt sie Trás-os-Montes. Das heißt "hinter den Bergen".

Papst und Adelsfamilie in Silber gerahmt

Was der Conde mit portugiesischer Lebensart meint, ist vor allem Wein. Vinho Verde, der beste des Landes. Er prickelt frisch und trinkt sich wie Mineralwasser, doch der Hammer kommt später. Die Reben wuchern um Zäune, Mauern und Masten. Man darf nicht lange anhalten, sonst droht der Wein ins Auto zu ranken. Hinter Carminha mischen sich die Reben mit Gestein in Gelb und Apricot. Einmal taucht ein Leopardenfell aus Gras und Wasser auf. Boote tanzen im Wind. Irgendwo führt ein Mann seine blinde Frau spazieren. Ja, diese Landschaft ist unwirtlich. Es gibt für sie keine vorgefertigten Bilder im Kopf, und man glaubt, gerade Passiertes nie wieder zu finden.

Als wir das Casa de Rodas am Rande des Ortes Monção erreichen, taucht das goldumrandete Violett des Abendhimmels in ein tiefes Tintenblau. "Ich habe mir schon Sorgen gemacht", sagt Maria Luísa Távora auf dem schmalen Kieselweg vor dem Eingang des Herrenhauses, "Sie sind spät." Maria Luísa Távora ist eine Dame in den Siebzigern mit zartem blauen Lidschatten und scharfen Gesichtszügen unter dem Pagenschnitt. Ihre Familiengeschichte ist so alt wie das Land Portugal. Im Stammbuch stehen Grafen, Lords und christliche Ordensritter. Das Innere ihres weißen Herrenhauses zeugt von bewegten Zeiten. Schwere Truhen aus Mooreiche, Jagdgewehre, Trophäen allerorten. Ein Geruch nach Holz wabert durch die Zimmer, auch nach Bohnerwachs, Mottenkugeln und nach langer Geschichte. Jeder Fußtritt erzeugt ein Knarzen der Holzdielen. Im Speisesaal schimmert Kristall. Maria Luísa Távoras rechte Hand schwebt während ihrer Erzählungen wie bei einem Walzer durch die Luft, und über einem Foto im Silberrahmen hält die Hand für einen Bruchteil von Sekunden kurz an, als wolle sie beiläufig auf etwas hinweisen. Auf ihre Hand, grazil wie die einer 30-Jährigen? Oder auf das Foto mit dem Papst und Angehörigen der Familie? "Fürchten Sie sich nicht allein in diesem die Fantasie anregenden Anwesen?" - "Meine Kinder wohnen in Lissabon. Die Gäste beleben das Haus, mein Herr." Ihre Hand umfasst jetzt die schweren Eisenstangen vor der Tür zum Rosengarten.

Der Tau ist noch nicht getrocknet, als ich morgens aus einem tiefen Traum gerissen werde. In dieser Stille kann das passieren, dass die Schritte draußen im Kies so laut erscheinen wie das Grollen eines Gewitters. Zwei Arbeiter stapfen vorbei, verschwinden hinter der hauseigenen Kapelle, über dessen Eingang die Jahreszahl 1768 zu sehen ist. Nein, sagt später das Dienstmädchen Elisabet beim Frühstück in der Küche, die Kapelle werde nicht mehr genutzt. Ostern habe sich die Großfamilie im Casa de Rodas getroffen, es sollte eine Hausweihe geben, aber die sei buchstäblich ins Wasser gefallen. Elisabet lehnt mit bunter Kittelschürze an dem Sims des alten Steinofens. Ein zarter Lichtstrahl fällt durchs Fenster auf ihre Lederschlappen, die sicherlich schon die Maserung des Holzes angenommen haben.

Man sagt, in Trás-os-montes sei es neun Monate Winter und drei Monate die Hölle. Aber das stimmt gar nicht. Stahlblau leuchtet der Himmel wieder über den Reben. In Holzbottichen liegen Trauben, schwarzblau und grün. Aus ihnen wird Alvarinho hergestellt, der Elitetrunk des Vinho Verde, ein Produkt aus der Gegend um Monção. "Gute Qualität, schlechte Quantität", so beurteilen die Weinbauern diesen Jahrgang. In einigen der sechs Vinho-Verde-Regionen erreicht der Most 96 Öchsle - ein Spitzenwert, so hoch wie nie zuvor.