"Welt" vs. FR heißen die heutigen Kontrahenten um den Begriff der deutschen "Leitkultur". Geht es allein um Medienpräsenz, hat der CDU-Fraktionsvorsitzende Merz einen Volltreffer gelandet, denn seine Sprechblase ist gerade aufgrund ihrer Hohlheit ein Hit in deutschen Leitartikeln. Der FR zufolge tritt Merz mit seinem Begriff ein in die "Tradition früherer CDU-Strategen - Begriffe besetzen, polarisieren, die Hegemonie erringen ... So steht am Beginn der Debatte der Kampfbegiff: freiheitliche deutsche Leitkultur. Er erlaubt es, mit allen gängigen Ressentiments zu arbeiten." Merz beschreibe nicht konkrete Probleme eines Einwanderungsland Deutschlands und versuche, Lösungsstrategien zu entwerfen, sondern "baut mittels Überhöhungen an einem Drohszenario". Der Begriff der Leitkultur lege zugleich nah, "dass sie anderen Kulturen überlegen, dass sie besser, höherwertig ist, da schwingt viel mit, was an deutschen Stammtischen erfolgversprechend zum Klingen gebracht werden kann." Über solcherlei Verdammungen kann der Kommentator der "Welt" sich nur verwundern: "Statt sich darüber zu freuen, dass ein großes gesellschaftliches Thema endlich in den politischen Raum zurückkehrt ... und ein Politiker wie Friedrich Merz eine Vokabel in den Raum wirft, an der sich Meinung ernsthaft entzünden kann, treten sofort die Diskurs-Kohorten des Zeitgeists auf den Plan und errichten schleunigst ihre mentalen Zäune und geistigen Verbotsschilder." Auch ein zweiter Kommentar fährt in ebensolchem Ton fort, ohne dass man jedoch inhaltlich einen klaren Gedanken zum Thema entnehmen könnte. Beide Texte verzichten auf eine Klärung des Begriffs Leitkultur zugunsten einer Verteufelung seiner Gegner, die als "Tabuisierer" und Zeitgeistler diffamiert werden. Wenn man den Wert eines Begiffs an seinen Apologeten erkennen kann, ist der Begriff der deutschen Leitkultur so etwas wie ein sprachlicher Nebelwerfer. Man kann mit ihm zwar nicht weit gucken, aber immerhin fühlt man sich darin geborgen und vereint gegen die da draußen.

"Welt" vs. FR die Zweite. Auch was das Verfassungsverbot der NPD betrifft, setzen die beiden Blätter unterschiedliche Akzente. Die "Welt" berichtet auf ihrer Titelseite von einem neuen Geheimdienstbericht, der das NPD-Verbot gefährdet. In dem der "Welt" vorliegenden vertraulichen Papier heißt es: "Es besteht das nicht geringe Risiko, dass der Antrag auf Verbot der NPD als unbegründet abgewiesen wird." Zwar belege das Material die Verfassungsfeindlichkeit der Partei, "problematisch ist jedoch die Aussagekraft der Beispiele für eine aktive kämpferische aggressive Haltung der NPD". Gerade die eindeutige Gewaltbereitschaft sei aber eine Voraussetzung für ein Verbot durch das Verfassungsgericht. Das stärkt die Bedenken CDU-regierter Länder wie Hessen. Die FR hingegen berichtet vom Drängen des SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck, der die CDU/CSU-Fraktion zu einem Beschluss für einen Antrag des Bundestages ermahnt. In einem Kommentar gemahnt die FR zur Eile: "Jeder Tag, an dem über Sinn oder Unsinn, Nutzen oder Schaden eines Verbots der NPD diskutiert wird, wertet die rechtsextreme Partei auf."

"Stirnband, Riesenvollbart und 'lange Matte' - Rate-Rocker 'Mütze' alias Thomas König (31) ist wieder in Hamburg", schreibt die "Bild" auf Seite 9. Wenn Sie letzten Montag "Wer wird Millionär?" gesehen haben, werden Sie sich gewiss noch an den Barmann der Hamburger Kiezkneipe Lehmitz erinnern, der zum jetzigen Stand der Dinge um 125.000 Mark reicher ist. Mit seiner gnadenlos sympathischen Mischung aus solidem Grundwissen und unbekümmerter Zockermentalität kann er morgen abend sogar Millionär werden, mit noch einem Joker und einem Augenzwinkern von Günter Jauch. Für alle Besserwisser hier noch mal die 125.000-Frage: Wie nennt man die Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut?

a) roter Punkt
b) schwarzes Loch
c) gelber Fleck
d) grüner Bereich

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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