Und damit sind wir schon beim eigentlichen Thema, unserer Schizophrenie im Verhältnis zur Politik. Ob links oder recht, Regierung oder Opposition: Politik erscheint uns fade, wenn sie nicht holzschnittartig (oder am liebsten gleich mit dem Holzhammer) dargeboten wird; gleichzeitig hätten wir es gerne differenziert, sachgerecht - und ganz ohne unnötige Polarisierung. In der Tat: Politik - oder sagen wir es genauer: Das Bündel der Probleme, mit denen es die Politik zu tun hat, erlaubt in fast keinem Fall simple Schwarz-Weiß-Darstellungen. Meisten stehen sich die Optionen fifty-fifty gegenüber und 52 Gründe sprechen dafür, 48 dagegen; und das wäre dann schon eine ziemlich klare Sache. Trotzdem aber kann sich die Politik nur in sehr vereinfachten Ja-Nein-Entscheidungen voranbewegen. Für solche Entscheidungen müssen unter den Bedingungen der Massendemokratie Mehrheiten gewonnen und zusammengehalten werden. Und schon stehen wir vor dem Zwang der dramaturgisch notwendigen, sachlich aber ziemlich blödsinnigen Vereinfachung - um nicht zu sagen: versimpelnden Verzerrung und Verteufelung. Politik hat es eben nicht nur mit sachlichen Kompromissen zu tun, in denen die objektiven Lösungen bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen werden, sondern auch mit unsachlichen Darstellungen, in denen die Verhältnisse bis zur Unkenntlichkeit zugespitzt werden. Beides zusammen genommen ist der eigentliche Grund dafür, dass gerade die vernünftigsten unter den Zeitgenossen die Politik verachten.

Der Generalsekretär einer Partei ist nun die Person, welche die Schizophrenie der Erwartungen, wie ein Sündenbock die Schuld der anderen, auf den Rücken geladen bekommt. Diese Schizophrenie wirkt noch Jahrzehnte später nach: Heiner Geißler galt geradezu als "schrecklicher" Generalsekretär, mit seinen giftigen Attacken und Übungen in "Begriffsbesetzung"; Willy Brandt wusste schon, warum er ihn - auch das ein ziemlich feistes Bubenstück - den "größten Hetzer seit Goebbels" genannt hatte; womit natürlich (!) kein Vergleich ausgesprochen werden sollte. Heute aber gilt Geißler als feiner Querdenker - bei seinen Gegnern, weil er nun nicht mehr zwischen den Parteien, sondern innerhalb der eigenen Partei polarisiert.

Denken wir also, wenn der nächste Generalsekretär wieder grobe Klötze spaltet statt Haare, mit der Axt operiert, statt mit dem Bleistift: Wir selber mit unseren widersprüchlichen Erwartungen an die Politik sind es, die solche Rollenspiele nötig machen. Und wer den Generalsekretär der anderen kritisieren möchte, sollte zuvor hinschauen, was der eigene alles angestellt hat.