Dies ist die Geschichte über eine Stadt, die ihren Despoten nach mehr als zehn Jahren Herrschaft abgeschüttelt hat. Hier wurde Slobodan Milosevic verehrt, verabscheut und schließlich gestürzt. Diese Geschichte ist eine Spurensuche einer verhängnisvollen Liaison. Sie führt von der Festung Kalemegdan über die Prachtstraße Kneza Mihaila, über Terazije den Bulevar Revolucije entlang bis hinauf zum Parlament. Und sie führt in die Abgründe und Absurditäten, die diese Stadt in zehn Jahren hervorgebracht hat. Sie erzählt von Mut und Niedertracht, von Apathie und Widerstandskraft. Auf weniger als drei Kilometern dreht sich das balkanische Karussell mindestens einmal im Kreis, von Höllenfeuer bis Himmelsrausch. Herzlich willkommen in Belgrad!

Später, als die Bomben der Nato fielen, feierten Bojovic und seine Schlangen eine weltweite Aufführung. Ausländische Presse kam scharenweise in den Zoo. Eine echte Schlange namens Albright, wo gab es das schon? Die Schlange erschien als Bojovics ganz persönlicher Beitrag zum patriotischen Verteidigungskampf gegen das "mächtigste Militärbündnis der Weltgeschichte", wie die staatliche Propagandamaschine die Nato unermüdlich nannte. Sie war die serbische Antwort auf Cruise-Missiles.

Bojovic hat einen Sinn für öffentlichkeitswirksame Inszenierungen. Während des Bombardements präsentierte er den Medien seine Mitarbeiter in martialischer Pose vor einem Tigerkäfig. Sie trugen altertümliche Schießprügel quer über die Brust. "Keine Angst, Belgrader Bürger! Ich beschütze euch!" - das war die Botschaft dieser Fotos. Bojovic spielte dabei auf ein furchterregendes Ereignis an, das sich tief in das Gedächtnis der Belgrader Bürger eingegraben hatte.

Im Zweiten Weltkrieg trafen die Bombergeschwader Hitlers auch den Belgrader Zoo. Löwen, Leoparden, Elefanten und anderes bedrohliches Getier kamen frei und verbreiteten unter der ohnehin schon terrorisierten Bevölkerung weiteren Schrecken. Die exotischen Tiere, die zwischen brennenden Trümmern herumirrten, wirkten auf viele wie ein Bild aus der Apokalypse. Das sollte nicht noch einmal passieren. Dafür garantierte Direktor Bojovic. Er und seine Mitarbeiter würden die Tiere eigenhändig erlegen, falls die Nato den Zoo treffen sollte. 130 Tiere hatte er auf seiner Abschussliste. So schob das Personal Nacht für Nacht Wache bei den Käfigen. Viele Belgrader wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten, ob das alles Wirklichkeit war oder eine Halluzination.

Bojovic hatte allerdings schon vorher Anteil an einer Marketingkampagne der besonderen Art. Als 1991 der Krieg in Kroatien ausbrach, erschien ein Mann namens ×eljko Raznjatovic auf der Bühne, ein international gesuchter Mörder und Bankräuber. Er nannte sich Arkan. Als Symbol für den Namen seiner paramilitärischen Miliz trug er einen jungen Tiger im Arm. Arkans Tiger mordeten, plünderten und brandschatzten in allen balkanischen Kriegen der letzten zehn Jahre. Wo immer ihr Name geraunt wurde, verbreitete er Angst und Schrecken. Arkan, das war der Ruf aus der Hölle. Bojovic hatte Arkan den Tiger geliehen, mit dem er am Beginn seiner kriegerischen Karriere vor der Presse posierte. Auf diese Weise, quasi über eine verborgene Hintertür, fand so ein Zoodirekor Eingang in die Geschichtsbücher des Balkans.

Und heute? Die Boa Madeleine schläft friedlich hinter ihrem Glaskasten. Sie wird bald ein Ei legen. Bojovic sitzt mit sich selbst zufrieden in seinem Büro, in der Ecke Gewehre und an den Wänden Bilder von Tigern, Affen und Adlern. An der Wand gegenüber seinem Schreibtisch hat er sein eigenes Porträt in Ölfarbe aufhängen lassen. Es zeigt einen entschlossen dreinblickenden Mann. "Das ist mein Kriegsporträt." Über den Sturz von Milosevic schweigt er sich aus, immer noch ist er zu hingerissen von seinem Coup mit den Schlangen, der er in der Zeit nach Milosevic noch eine Steigerung erfahren hat: "Madeleine ist von Warren geschwängert worden!"

Arkans Tiger ist inzwischen groß und stark geworden. Lautlos und friedlich dreht er seine Kreise unterhalb der Festungsmauer, während Arkan selbst auf dem Belgrader Zentralfriedhof begraben liegt. Er wurde im Januar dieses Jahres im Belgrader Hotel Intercontinental durch einen Kopfschuss getötet. "Mir gegenüber", sagt Bojovic, "hat sich Arkan immer korrekt und anständig verhalten!"