NÜSSLEIN-VOLHARD
Ach, selbst Craig Venter hat gesagt, dass die Entzifferung des menschlichen Genoms hauptsächlich psychologisch wichtig ist, und die Mondlandung ist auch hauptsächlich psychologisch wichtig gewesen. Wichtiger ist im Moment die Entzifferung des Maus-Genoms und auch des Zebrafisch-Genoms. Damit kann man ein bisschen mehr anfangen, weil man der Funktion der Gene in diesen Tieren viel näher auf der Spur ist als im Menschen. Beim Menschen ist man auf populationsgenetische Untersuchungen angewiesen, die man gar nicht richtig machen kann, weil man keine Experimente am Menschen machen kann.

Haben Sie Verständnis für all die Ängste, die im Zusammenhang mit der Genforschung und der Gentechnik auftauchen, oder ist das für Sie nur unwissenschaftlicher Humbug?

Sowohl die Ängste als auch die Hoffnungen sind überzogen, würde ich sagen, und man sollte da mal ein bisschen auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Das Human-Genom-Projekt ist ja noch gar nicht publiziert, keiner hat reingeschaut. Ich bin nicht besonders gespannt darauf, ich war sehr gespannt auf das Genom der Fliege und ich bin außerordentlich gespannt auf das Genom des Fisches. Aber das menschliche Genom, wenn das jetzt im November oder Dezember publiziert wird...also - na ja ...

Als der amerikanische Forscher Craig Venter sein Human-Genom- Projekt in Washington vorstellte und ankündigte, das menschliche Genom vollständig entschlüsselt zu haben, da sagte er, dass wir es noch in unserer Lebenszeit erleben würden, dass es keine Krebstoten mehr geben wird.

Das ist natürlich vollkommen unrealistisch. Beim Krebs waren die Menschen ja mal sehr sehr fortschrittsgläubig. Vor rund 30 Jahren wurden in den USA Riesenprogramme gestartet; um den Krebs zu besiegen, wurde für die Krebsforschung unglaublich viel Geld ausgegeben. Inzwischen ist man, glaube ich, zu der Erkenntnis gekommen, dass man zwar sehr viel mehr über Krebs weiß, auch über die Entstehung und die Ursachen, und man hat auch viel erfolgreichere Behandlungsmethoden - aber besiegen wird man ihn nicht können, glaube ich. Weil der Krebs sozusagen ein eingebauter Bestandteil des menschlichen Lebens ist, übrigens nicht nur des menschlichen, sondern auch des tierischen Lebens. Es ist einfach in diese Lebensform eingebaut, dass es manchmal Entgleisungen gibt.

Die diagnostischen Möglichkeiten in diesem Bereich werden zunächst wachsen, die therapeutischen aber nicht. Das heißt, die Schere zwischen Diagnose und möglicher Therapie geht immer weiter auseinander. Wie soll man mit diesem Problem umgehen, dass es Gentests gibt, die eine bestimmte Disposition für Krebs anzeigen, also ein bestimmtes Risiko, an Krebs zu erkranken, aber dass man dann mit diesem Hinweis eigentlich allein und ohne Hilfe dasteht?

Wenn das so ist, dann werden sich die Tests nicht durchsetzen. Ich glaube, die Leute werden sich weigern, solche Tests zu machen, sie werden sich nicht zwingen lassen. Obwohl man in manchen Fällen dann wüsste, was man dann tun könnte. Wenn man, sagen wir zum Beispiel, die Erbkrankheit Duchenne hat, und wenn man das früher diagnostizieren und wissen würde, dass dann 50 Prozent der eigenen Kinder gefährdet wären, auch daran zu erkranken, dann kann man natürlich auch einen Gentest an den Kindern machen.