Einen Moment lang geraten Nase und Augen in Widerstreit. Es riecht anheimelnd nach Zimt und Schokolade, nach frisch gebackenen Keksen. Doch der Geruch kriecht unter Eisentüren hervor. Er füllt breite Gänge, die sich zwischen Werkshallen verzweigen. Die Keksfabrik ist das größte der acht Bahlsen-Werke. Gut 1100 Menschen arbeiten dort, viele mit reduzierter Stundenzahl: Der Gebäckhersteller ist ein Pionier der Teilzeitarbeit. In der Produktion wie in der Verwaltung und bis hin zur Führungsebene bietet Bahlsen verschiedene Varianten an. Zwanzig Prozent der Beschäftigten, vor allem Frauen, haben ihre Stundenzahl reduziert. "Die Mitarbeiter haben Vorteile", sagt Rudi Muthmann, Betriebsleiter in Barsinghausen, "und das Unternehmen auch."

Von Januar an sollen alle Arbeitnehmer in Deutschland ein Anrecht auf Teilzeit bekommen, der Bundestag diskutiert dieser Tage das entsprechende Gesetz. Bei Bahlsen stoßen solche Pläne auf wenig Interesse. Wer dort weniger arbeiten möchte, hat seinen Wunsch längst wahr gemacht. Und wenn Mitarbeiterinnen wie Hanna Rohe im wöchentlichen Wechsel mit einer Kollegin Waffeletten und Zimtsterne in bruchsichere Plastikverpackungen legt, gewinnt das Unternehmen Flexibilität: Zu Stoßzeiten verschiebt sie ihre Freizeit auch mal auf später.

Seit 20 Jahren arbeitet die 49-Jährige bei Bahlsen im niedersächsischen Barsinghausen. Ihr Mann und sie hatten ein Haus gebaut, da wollte sie "ein bisschen dazuverdienen". Wegen der Kinder kam nur Teilzeit infrage - das klassische Motiv. "Bahlsen war der einzige Betrieb, bei dem ich nur vier Stunden arbeiten konnte", sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. In ihrem Beruf gab es damals in der 30 000-Einwohner-Stadt keine Chance auf eine halbe Stelle. Bei Bahlsen aber waren die Normalschichten in zwei Blöcke unterteilt, die sich zwei Frauen teilen konnten.

Neun Jahre lang kam Hanna Rohe abends von Viertel vor sieben bis um elf Uhr ins Werk. "Mein Mann und ich haben uns unter der Woche kaum gesehen", erinnert sie sich. "Da baute sich am Wochenende immer Spannung auf." Die Kinder waren inzwischen 12 und 15, da sagte sie zur Schichtleiterin: "Es geht nicht mehr." Seither arbeitet sie eine Woche voll und hat dann eine ganze Woche frei. In Haus und Garten gibt es genug zu tun. Ihre Kollegin Marita Schmidt hingegen wollte weiter halbtags arbeiten. Sie versorgt nachmittags ihre gebrechliche Mutter - auch das ein häufiger Grund, Teilzeit zu arbeiten. Bei Bahlsen ist das kein Problem.

Seit 1991 ist die Zahl der Teilzeitjobs in Deutschland um über 40 Prozent auf rund 6,7 Millionen in diesem Jahr gestiegen. Der Boom, den das Gesetz entfachen soll, ist also längst entbrannt. Schon jeder Fünfte arbeitet weniger Stunden. Vielen Unternehmen kommt das gelegen. "Wenn Teilzeit richtig eingesetzt wird, ist sie produktiver als Vollzeitarbeit", sagt Lars Herrmann, dessen Agentur Hoff, Weidinger, Herrmann damals Bahlsen bei der Einführung half. Bei Teilzeit gibt es weniger Leerlauf - das Unternehmen spart Geld. Die allermeisten dieser Arbeitsplätze stellen allerdings der Handel, die Gastronomie und die übrigen Dienstleistungsbereiche wie Banken und Versicherungen. In der Industrie ist Teilzeit weniger verbreitet. Dass Bahlsen eine Ausnahme bildet, liegt an der Struktur der Belegschaft. An den Bändern im Barsinghausener Werk sitzen überwiegend Frauen.

Bundesweit arbeiten 38 Prozent der berufstätigen Frauen Teilzeit. Das Potenzial gilt bei ihnen als nahezu erschöpft. Anders bei den Männern. Von denen haben nur fünf Prozent reduziert. Und das kaum aus freien Stücken: Sie wurden meist dazu verdonnert, um Entlassungen zu vermeiden, oder haben sich für Altersteilzeit entschieden. In jüngeren Jahren arbeiten kaum Männer freiwillig kürzer. "Bislang wurde Teilzeit immer in Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesehen", weiß Arbeitszeitberater Herrmann. "Mit moralischen Appellen hat man versucht, auch die Männer dazu zu bewegen. Aber solche Maschen ziehen nicht mehr." Für Männer hat der Begriff Teilzeit wenig Appeal. Wer ihre Quote erhöhen will, muss ihm ein neues Image geben.

Morgens um halb acht schwingt sich Uwe Petruch auf die Vespa. Sein Ziel: die Ambulanz der Kinderklinik, am Hang gelegen in einer alten Villa. Seit sechs Jahren arbeitet der 34-Jährige als Arzt am Tübinger Universitätskrankenhaus. Ein Auto mag er sich nicht leisten, er kommt mit 2600 Mark im Monat aus. Uwe Petruch arbeitet Teilzeit. Der Kinderarzt liebt seine Arbeit, doch gleichzeitig braucht er Zeit für seine zweite Berufung. Es begann während des Studiums: "Nachdem ich den ganzen Tag Leichen seziert hatte, musste ich abends etwas Lebendiges sehen", sagt er. Er belegte einen Kurs in Aktzeichnen. Inzwischen arbeitet der Künstler Petruch mit Holz und stellt sogar aus, auch wenn er damit noch kaum Geld verdient.