Es gab Zeiten, da durfte ein junger Bochumer Intendant seine Pläne mit dem Motto "Viel Spaß!" zusammenfassen. Als hätten damals alle Deutschen auf dieses Kommando nur gewartet, kam dann fürchterlich viel fetter, satter, öder Spaß übers Land, und man wurde die Lachsäcke, die man gerufen hatte, nicht mehr los. Zur Buße schor sich die folgende Generation das Haar, ging in Klausur und erfand die Dramaturgie neu. Die jungen Theaterleute, die jetzt alte deutsche Theater übernehmen, sind keine Entertainer mehr, sondern Autoren, Denker & Forscher; gern greifen sie zum Wissenschaftsjargon, und ihre Häuser nennen sie "Forschungseinrichtung", "Instrument der Recherche" oder "Labor".

In Bochum, auf dem geschundenen Boden des Reviers, haben jetzt die Geologen Einzug gehalten: Der neue Intendant Matthias Hartmann und sein Chefdramaturg Thomas Oberender interessieren sich für "Schichtungen" (in der Gegenwart), "Sedimente" (der Zeit), "Erfahrungsgründe" (der Wirklichkeit) und "Ablagerungen" (der Tradition), es geht ihnen, ganz knapp: "um die Ausgrabung von Gegenwart". Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Leander Haußmann, den er einen Rock 'n' Roller nennt, hat Hartmann, der intelligenten Pop machen möchte, gar nichts gegen Pathos, er pflegt eine vorweihnachtliche Sprache, die jede Premiere wie eine Bescherung unter Tage feiert.

Jedoch, man kann nicht immer nur graben, man muss die Funde auch ans Licht schaffen. Also haben die Bochumer die Vogelschwinge zu ihrem Logo erkoren: Nur wer fliegen darf, hält es unter der Erde aus. Auch verbirgt sich im Schwingen-Logo ein erlösendes Bild: der One-World-Mythos von den gewaltigen Wirkungen unscheinbarer Vorgänge, also vom Kolibri in Europa, dessen Flügelschlag ein Unwetter im Himalaya auslöst.

Auf der Bühne des großen Hauses spielt Michael Maertens den Kolibri. Er schlägt mit den Flügeln, und es gibt Sturm im Saal. Er piepst "Herz", und die Wände färben sich rot. Er schnattert "Ich eröffne das Theater", und das Bochumer Ensemble überschwemmt die Bühne. Er verbeugt sich, und das Publikum jubelt, als gelte es, Zadek, Peymann und Steckel auf einmal zu verabschieden.

Die Eröffnung ist ein Stück des Dramatikers Peter Turrini, das an seinen Monolog Endlich Schluss erinnert. Damals zählte ein Mann bis "1000" und brachte sich um, aber noch bei "999" hatte er gehofft, dass Gott dazwischengehen und "Tu's nicht!" rufen würde. Endlich Schluss war eine Reise in Trippelschritten ans Ende des Erzählens. Auch Die Eröffnung führt einen Schwadroneur pfeilschnell zum Abgrund, aber diesmal handelt es sich um einen Schauspieler, und also ist sein Ende nur der Anfang vieler neuer Geschichten. Im Grunde ist das Theater selbst der Held des Stücks, ein nach Futter rufendes Drachenmaul, in dem der famose Michael Maertens bloß als Putzfisch agiert. Er hält mühelos zwei Ungeheuer in Schach, und es ist die Frage, welches das fiesere ist: der Theaterrachen hinter ihm oder das Publikum vor ihm. Er füttert beide und macht beide noch hungriger. Seine Geschichten handeln vom Aufstieg und Fall eines Theaterkönigs, vom Aufblühen und Ende einer Liebe, vom Leben und Sterben seines Kindes. Maertens, einer der großen Maniker und Borderline-Jogger der Bühne, spricht in der Regie von Matthias Hartmann jedes Turrini-Wort wie ein im letzten Moment gefundenes. Man erlebt lauter Rettungen aus aussichtsloser Lage. Im bodenlos beliebigen Erfindungsreichtum Turrinis entdeckt Maertens immer neue, tolle Wendungen. Er ist ein triefendes Zirkusross und ein ausgefuchster Rosstäuscher, er verfällt und vertrocknet in Minuten, aber so verkauft er uns ans Dorian-Gray-Theater, das so bereitwillig an unserer Stelle altert. In Endlich Schluss bot uns Turrini bloß einen Tod, mit Die Eröffnung geht er einen Schritt weiter - zurück in ein künstliches, vom Schmerz erlöstes Leben.

Die deutsche Dramatik in der Wendeschleife

Als müsse das alte Dürrenmatt-Gesetz, demzufolge eine Geschichte erst zu Ende gedacht sei, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung erreicht habe, endlich außer Kraft gesetzt werden, erzählen uns die deutschen Dramatiker derzeit lauter Geschichten, die ihre schlimmstmögliche Wendung beiläufig passieren wie eine Wendeschleife - und einfach weitergehen. Je wertloser und flexibler das Einzelleben ist, desto "leichter" wird es auch, und desto schwerer ist es totzukriegen. Das aktuelle Theater ist eins der Widergänger. Sibylle Berg hat für Bochum ein Stück geschrieben, das nach seiner schlimmsten Wendung erst beginnt: Helges Leben. Es ist das Jahr 2004, die Tiere haben sich zur friedlichen Weltgemeinschaft zusammengeschlossen, die Menschen sind ausgestorben und werden nur zum Entertainment der höheren Kreaturen bisweilen wiedererweckt. "Ich kann mir nie vorstellen, dass sie mal die Welt beherrscht haben sollen", sagt dann das Reh zum Tapir, und Tapir antwortet: "Ja, es scheint absurd. Aber mein Großvater hat es noch miterlebt." Helges Leben könnte nicht verstanden werden in Epochen ohne Fernbedienung, Schnelldurchlauftaste und Nachmittagstalkshows; wir aber sehen Helges Geburt, seine einsame Jugend, seine ersten Morde, seine Vaterschaft, sein furchtbares Alter und seinen folgenlosen Tod in 90 Minuten, kommentiert von Reh und Gnu, und es fehlt uns nichts zum Verständnis.