Plötzlich spürt er, wie sich das kalte Auge auf ihn richtet. Da hinten hantiert eine Dame mit ihrer Kamera herum, und das macht Wolfgang Tillmans ganz kirre. Am liebsten würde er unter den Tisch krabbeln oder wenigstens die Hände vors Gesicht legen. Auch wenn das keine Klatschreporterin ist, die ihm hier im Café der Londoner Whitechapel Gallery nachstellt, nur eine Besucherin, die sich ein Souvenir knipsen will - Tillmans packt der Fluchtreflex. Dabei lässt er selbst ständig die Auslöser klacken und die Blitze zischen. Und gerade das Schnodderige seiner Fotos hat ihn berühmt gemacht, das Ungekünstelte, das viele Leute an die Schnappschüsse von ihrer letzten Party erinnert.

"Ich hasse Schnappschüsse", sagt Tillmans, den Kopf zur Seite gedreht. "Und noch mehr hasse ich Spiele mit versteckter Kamera." Nie würde er sich hinter Teleobjektiven verschanzen und die Menschen aus sicherer Distanz belauern. Für ihn beginnt jedes gute Foto ungeschützt, er tritt als Bittsteller auf - und aus dem Objekt wird ein Gegenüber, ein Komplize. Dass die Menschen nicht verkrampfen, ihr Fotogesicht aufsetzen oder angestrengt versuchen, möglichst natürlich auszusehen, das ist die große Kunst von Wolfgang Tillmans. "Ich will die Leute, die ich fotografiere, respektieren, lieben, irgendwie umarmen", sagt er. Und so blickt er niemals kalt und sezierend auf die Welt, das Absolute ist ihm fremd, und Zynismus käme ihm vor wie Verrat. Was er mit seinen Bildern eingeht, ist eine Nähe, in der Unverhohlenes und Unbekümmertes möglich wird.

Zum Glück ist die knipsende Dame endlich verschwunden, Tillmans isst noch rasch den Rest seines Karottenkuchens und steigt dann hinauf zu den Ausstellungsräumen der Gallery. Unter dem Motto Protest and Survive wird hier zurzeit Kunst gezeigt, die sich politisch gibt, die aufmischen und einheizen will. Auch Tillmans bekam eine große Wand für seine Fotos, für dampfende Leiber in Techno-Clubs, für die lachenden Gesichter der Großgemeinschaft eines Friedenscamps, für wartende Menschen auf dem evangelischen Kirchentag, einen schlafenden Bettler auf nacktem Beton. In der englischen Presse wurde die Ausstellung verrissen. Das meiste sei billiger Polit-Kitsch, war in vielen Artikeln zu lesen. Einzig Tillmans' Fotowand wurde einhellig gelobt, was allerdings niemanden weiter erstaunte, denn der 32-Jährige ist im Moment der große Liebling in London. In der Royal Academy nimmt er Teil an der Sensationsschau Apocalypse, ein ganzer Raum ist seinen Bildern gewidmet. Und auch beim Wettbewerb um den Turner-Prize, die weltweit bedeutendste Auszeichnung für zeitgenössische Kunst, ist er vertreten. Unter den vier Bewerbern, die ab dieser Woche in der Tate Britain ausgestellt werden, gilt er bei den englischen Buchmachern als der Aussichtsreichste.

Dieser Herbst ist sein Herbst, doch daran will Tillmans jetzt lieber nicht allzu viel denken. Lieber schaut er sich noch einmal seine Wand in der Whitechapel an und ärgert sich ein wenig, dass einige der Bilder so gedellt aussehen. "Die Luft ist zu kalt, die Wand zu feucht" - er beginnt, die Aufnahmen zu richten. Werden sonst Fotos meist streng in Reih und Glied gezeigt, wohlgeordnet nach Größe und fein verpackt hinter Glas, hat Tillmans seine Aufnahmen wild verstreut. Er zeigt Motive, die nicht größer sind als Postkarten, andere sind so riesig, dass man sie auf Plakatwänden präsentieren könnte. Abzüge auf Fotopapier hängen neben Ausrissen aus Zeitschriften; die ganz großen Formate hat ein Tintenstrahldrucker verfertigt. Auf schützende Passepartouts und Rahmen hat Tillmans fast bei allen Bildern verzichtet. Stattdessen nagelt er die Drucke mit feinen Stahlstiften an die Wand, die Fotopapiere befestigt er rückseitig mit Klebeband.

"Die Präsentation soll möglichst pur sein", sagt er, "die Menschen sollen ein Bild sehen und nicht ein Kunstwerk." Auch in der Ausstellung sucht er nach dem Ungestellten, dem Beiläufigen. Doch was aussieht wie rasch hingepinnt, ist mit akribischer Sorgfalt entworfen. Tillmans, als dessen Markenzeichen das Flüchtige gilt, ist in Wahrheit ein Perfektionist. Bei der Zusammenstellung der Motive erprobt er immer neue Konstellationen, bis nach Tagen sich die vielen verschiedenen Fotos für ihn zu einem großen Bild fügen. Frei vermengen sich dabei Orte, Zeiten und Genres, denn Tillmans mischt Landschaft, Porträt und Stillleben, hängt derbe Nacktbilder neben süßliche Sonnenuntergänge, Vergangenes neben jüngst Errungenes. Kühn durchbricht er die übliche Fixierung des Kunstbetriebs auf das Neueste und arbeitet stattdessen mit seinem Fotoarchiv wie mit einem Bildgedächtnis, das auch längst Abgelegtes aus dem Unterbewusstsein wieder auftauchen lässt.

Für den Betrachter bleiben diese Gedanken- und Fotocollagen meist ein undurchschaubares Gestöber, denn keine vordergründige Erzählung, keine erkennbare Ordnung bindet die Aufnahmen zusammen. Eher wird das Momenthafte seiner Bilder noch verstärkt, und es öffnet sich ein weiter Assoziationsraum, der keine Blick- oder Denkrichtung vorschreibt. Beliebig allerdings sind seine Fotos nie.

Ein Romantiker auf der Suche nach neuer Wahrhaftigkeit