Den letzten Traum hatte ich wohl Anfang der achtziger Jahre. Es war ein Sextraum, aber den muss ich Ihnen wohl nicht erzählen. Eigentlich träume ich schon lange nicht mehr. Das hörte auf, als ich anfing, Bücher zu schreiben. Da muss es wohl irgendeine Verbindung geben. Fiktion zu schreiben ist kein rationaler Vorgang. Vielleicht schöpft man da tagsüber seine Fantasie so aus, dass man nachts keinen Stoff mehr hat.

Ein Stück Fiktion kann auch mit einer digitalen Leica beginnen. Gehört die Ihnen hier? Okay, ich versuche jetzt einen kleinen Tagtraumausflug in die Zukunft:

Wenn ich meine Tochter in 5 Jahren besuche, wohnt sie in London, ist 22 und studiert am Central Saint Martin's College of Art. Sie teilt sich eine Wohnung mit einem Mädchen, das einen Fashion-Laden besitzt, in dem sie alte Kleider verkauft. Ich komme also in der Wohnung an und erlebe einen Riesenaufruhr wegen einer Jeans. Die Mitbewohnerin ist total aufgeregt, sie hat gerade eine alte Levi's Engineered ersteigert, dieses "twisted to fit"- Modell mit der gedrehten Naht aus dem Jahr 2000. In gutem Zustand kostet die ungefähr so viel wie die Jahresmiete von Madonnas Haus.

Mittlerweile wird das ganze Zeug sehr schnell recycelt, Looks aus dem letzten halben Jahrhundert sind 2005 das Heißeste, was zu kriegen ist. Die Firmen können schon gar nicht mehr mithalten mit den ganzen Retroproduktionen.

Die Mitbewohnerin meiner Tochter rennt in einem superteuren, ebenfalls alten Papier-Ensemble von Mandarina Duck herum, mit einem Muster drauf, einer Art von "Nano-Tech-Animation". Ich als alter Mann finde das alles sehr verwirrend. Ein Pornofilm läuft da auf ihrem Rock. Ich entscheide mich, ein liberaler Vater zu sein und tue so, als hätte ich das nicht gesehen.

Meine Tochter zeigt mir ihr neuestes Kunstprojekt, eine veraltete digitale Leica. Eine schöne Kamera mit verschiedenen Smart Media Cards, auf denen Bilder aus den letzten fünf Jahren gespeichert sind. Hat sie alles auf einem Flohmarkt im Eastend gefunden. Der Grund, warum dieses Ding so gefragt ist und schwer zu finden: Die gesamte Medienplattform ist im Jahre 2003 zusammengebrochen, verschwunden und wurde durch etwas anderes ersetzt. Was genau, weiß ich nicht, irgendetwas biologisches, vermutlich Bio-Codes.

Meine Tochter ist jedenfalls sehr stolz darauf, diesen antiken Technologie-Level in einem Gerät zu besitzen. Und sie erklärt mir, dass in ihrer Welt die einzig mögliche künstlerische Geste die eines Kurators sei. Kreation gibt es nicht mehr. Ihre Idee von Kunst und ihrer Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen will, ist eine konstant sammelnde. Es geht um Rekontextualisierung von existierenden digitalen Bildern.