Am liebsten wäre Jean-Claude Trichet gar nicht hier, so scheint es. Nervös überprüft der sonst so gelassene Gouverneur der Banque de France den Sitz seiner Krawatte, fährt sich durchs Haar und richtet den Blick auf die 30 Kamerateams und 200 Journalisten. Dann ergreift er die Flucht nach vorn und sagt, noch bevor jemand die Frage stellen kann: "Wir stehen mit ganzem Herzen geschlossen hinter unserem Präsidenten." Wim Duisenberg, der angeschlagene Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) sitzt neben ihm. Und in Wirklichkeit würde Trichet ihn am liebsten so bald wie möglich ablösen. Doch das zu sagen, oder nur den Anschein zu erwecken, wäre schädlich. Für Trichet selbst, für den Euro und für Europa. Loyales Schweigen ist das höchste Prinzip. Das gilt für ihn wie für alle anderen EZB-Beamten.

Die Szene vom vergangenen Donnerstag symbolisiert das Dilemma des allseits hoch geschätzten Zentralbankers Jean-Claude Trichet. Der Zufall hatte die beklemmende Situation herbeigeführt: Der EZB-Rat tagte anlässlich der 200-Jahr-Feier der französischen Nationalbank ausnahmsweise in Paris. Und Duisenberg hatte kurz zuvor mit einem falschen Zungenschlag in einem Interview den Eurokurs auf einen neuen Tiefpunkt gebracht. Politiker und Finanzanalysten forderten sofort den Rücktritt des Holländers, und die französischen Stimmen waren besonders laut.

Wegen Duisenberg, nicht wegen Trichet, war die Presse in das provisorisch errichtete Zelt im Innenhof der Pariser Nationalbank gekommen. Dem EZB-Chef aus den Niederlanden wird vorgeworfen, das Gewicht seiner Worte nicht richtig abzuschätzen. Ganz im Gegensatz zum Franzosen Trichet, der abwägt, ohne auszuweichen, auch auf heikle Fragen präzise antwortet, immer moderat wirkt. Wenn es zu brenzlig wird, kann der 57-Jährige auch in der Manier eines Eliteschülers minutenlang gefällig und wissend über jedes erdenkliche Thema reden, ohne etwas zu sagen. Fast spielerisch bewegt sich der stets im grauen Anzug gekleidete Banker im Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Nur hier im Pressezelt, wo es eigentlich hätte feierlich zugehen sollen, ist ihm erstmals sein innerer Konflikt anzumerken. Einmal mehr muss er über seinen eigenen Schatten springen. Ein ihm nahe stehender Beamter umschreibt Trichets Rolle so: "Was ist ein Schürzenjäger? Jemand, der genau weiß, was er will. Aber nie darüber sprechen darf, weil er sonst sein Ziel nicht erreichen würde."

Spricht man Trichet, in aller Höflichkeit, unter vier Augen auf seine Ambitionen an, reagiert er unwirsch, gereizt. "No comment", sagt er. Dabei wissen alle, dass es nach sieben Jahren an der Spitze der französischen Zentralbank sein größter Wunsch, sein Traum, ist, nach ganz oben zu kommen.

Er hätte es verdient. An seiner Qualifikation zweifelt niemand. Außer vielleicht Altkanzler Helmut Kohl. Er boxte im Mai 1998 seinen Kandidaten Duisenberg durch und riskierte einen Eklat mit Frankreich. Dabei ist Trichet die Inkarnation des franc fort, des starken Franc. Er drückte die Inflationsrate. Er war es, der die Banque de France vom Staatseinfluss unabhängig machte. Unter ihm, so sagt der renommierte Ökonom Anton Brender, fuhr Frankreich die strengste Geldpolitik der Welt. So streng, dass die Bevölkerung Trichet vorwarf, einzig dem Diktat der Deutschen Bundesbank zu folgen. Und nun erntete er nur Undank?

An der fachlichen Qualität des Kandidaten zweifelt keiner