Die eine amerikanische Wahlkampfweisheit besagt: Vergiss die Umfragen vom Sommer; halbwegs hart wird diese Puddingmasse erst nach dem Labor Day Anfang September. Ein zweiter Spruch verkündet praktisch das Gegenteil: 24 Stunden sind eine lange Zeit in der Politik. Was tut der gewitzte Wetter? Gerade in diesem Wahlkampf sollte er auf Weisheit Nummer zwei setzen. Und dann schärfstens den dritten Faktor, die Welt- und Wirtschaftslage, beäugen.

Seit der ersten Bush/Gore-Debatte am 3. Oktober begann sich, scheinbar stabil, das Blatt gegen den frontrunner Gore zu wenden. Der hatte bis dato bequem geführt, offenbar als Belohnung für den schier endlosen Kuss, den sich Al und Ehefrau Tipper auf offener Bühne während des Demokraten-Konvents im August geliefert hatten. "Al Bore", sonst so spontan wie ein Gardist vor dem Buckingham-Palast, galt plötzlich als Mr. Leidenschaft, derweil der Rivale Bush vor fast jedem mehrsilbigen Wort kapitulierte. Diese schöne Aussicht währte nur bis zum Frühherbst. Dann schlug das erste Streitgespräch ein, in dem sich der Vize, geschminkt wie eine Wachsfigur von Mme. Tussaud, wie ein Streber gebärdete, der in der Schule nie abschreiben ließ. Und Bush gab charmant lächelnd den Gentleman. Das Wahlvolk voltierte, es stand 50 zu 42 für den Herausforderer.

Gleiches - Aufschwung für Bush - wiederholte sich noch zweimal, nach den Debatten vom 11. und 17. Oktober. Seit Monatsmitte schien Bush junior unschlagbar zu sein - mit einem steten Vorsprung von zehn Punkten. Es war drei Wochen vor dem Wahltag, der Wackelpudding vom Sommer schien nun endgültig zu härten. Falsch: Zum Wochenbeginn lagen beide wieder gleichauf - Bush mit 47 und Gore mit 46 Prozent. Der Unterschied ist statistisch gleich null.

Mithin gibt es in diesem Rennen nur eine Gewissheit: Der Ausgang am 7. November ist so ungewiss wie nie zuvor in den vergangenen 40 Jahren. Nur das Duell Kennedy/Nixon 1960 war bis zum Schluss so offen wie anscheinend der Wahlkampf 2000. Normalerweise sind zu diesem Zeitpunkt nur noch drei Prozent der Wähler unentschlossen. Diesmal aber sind es mehr als doppelt so viel, acht Prozent. Warum?

Die beste Antwort liefert John Ryan, ein Kleinstadtlehrer aus Massachusetts: "Gore sieht so aus, als wäre er aus Lehm geschaffen; er wirkt weder warm noch authentisch. Bush ist wohl der nettere Kerl, ihm gehen aber entweder die Ideen aus oder die Fähigkeiten, sie auszudrücken." Also gilt die zweite Weisheit: "24 Stunden sind eine lange Zeit ..." Absolut unvoraussagbar aber ist der dritte Faktor: die Welt- und Wirtschaftslage, sprich: die Nahostkrise und der Aktienabsturz.

Normalerweise hilft hier der Erfahrungssatz, dass derlei Krisen für die Republikaner zu Buche schlagen: als bessere Wirtschafts- und Weltenlenker. Bloß diesem Republikaner vertrauen die Wähler zwar mehr als Gore (64 zu 55 Prozent), aber sie trauen ihm nicht die Kompetenz zu, die im Flammenfeld des Nahen Ostens gebraucht wird. Fast die Hälfte der Befragten meint, dass Bush junior zu wenig Erfahrung besitze. Und noch mehr glauben, dass der Texaner in solchen Krisen seinen Beratern das Steuer überlassen, während Al Gore persönlich Hand anlegen würde. Das könnte erklären, warum Gore in jüngster Zeit wieder Punkte sammeln konnte.

Die allerletzte Weisheit: US-Wahlkämpfe werden nicht durch globale Prozente entschieden, sondern durch Siege in strategischen Bundesstaaten, die noch auf der Kippe stehen. Just hier aber, in Michigan, Ohio oder Indiana, ist es noch keinem der beiden Kandidaten gelungen, den Pudding für sich an die Wand zu nageln.