A R B E I T S Z I M M E RRolf Fehlbaum, 59, leitet seine Büromöbelfirma fast im Schlaf - auf einer neuen Liege

Das gute, alte Büro ist tot. Jeder muss mehr arbeiten, dafür darf er zwischendurch mal ein Nickerchen machen. Ein Gespräch mit Vitra-Chef Rolf Fehlbaum über die Folgen der New Economy von Jörg Burger (Gesprächsführung)

Sehr gut sogar. Der Stuhl, auf dem ich sitze, ist unser neuester, er heißt Ypsilon. Man kann seine Lehne so absenken, dass man beinahe liegt. Noch bequemer ist es mit den Füßen auf der Fensterbank.

Wollen Sie uns vorgaukeln, mit dem Stuhl werde aus jedem Arbeitsplatz ein entspannter Ort?

Schön wär's! Immerhin können wir als Möbelhersteller wachsende Belastungen erträglich machen. In der globalisierten Wirtschaft werden rund um die Uhr Geschäfte abgeschlossen, jeder muss viel mehr präsent sein. Wer lange arbeiten muss, freut sich bestimmt über diesen Stuhl.

Welche Innovationen haben Sie noch auf Lager für die New Economy?

Eine Büroliege aus Polyurethan-Schaum. Kein gemütliches Bettchen, eher eine Pritsche. Darauf kann man schnell mal ein Schläfchen halten, der power sleep fördert die Leistungskraft. Und in Start-up-Firmen, die wochenlang durcharbeiten, braucht keiner mehr unterm Schreibtisch zu liegen. Auch ein Nickerchen mit dem Kopf auf der Tischplatte muss jetzt nicht mehr sein.

Sind Sie sicher, dass Angestellte so eine Liege wirklich wollen?

Wir probieren es gerade aus. In unserem Großraumbüro in Weil am Rhein stellen wir kleine Zelte auf, mit Liegen unter halb transparenten Planen. Die Schlafforschung sagt, es ist ungeheuer sinnvoll, sich zwischendurch mal hinzulegen. Cat-napping nennt man das - Katzenschlaf. Ich praktiziere ihn seit vielen Jahren, allerdings auf einer Liege von Charles Eames in meinem Einzelbüro.

Wagt außer Ihnen wirklich jemand, sich während der Arbeitszeit zu verdrücken?

In ein paar Wochen werde ich das wissen, wir installieren die Liegen gerade erst. Falls sich keiner trauen sollte, werde ich den Leuten sagen: Nehmt euch ein Beispiel an mir.

Warum gönnen Sie Ihren Mitarbeitern nicht auch eigene Zimmer?

Das würde ich, aber in ihrem Büro geht es ihnen genauso gut. Wir entdecken den Großraum gerade neu. Wir haben ihn mit Sofas und türkischen Teppichen eingerichtet; es gibt spezielle Kabinen für die, die konzentriert arbeiten wollen, und ein Café, ein Restaurant und eine Bibliothek. Der Fensterbereich, in dem normalerweise alle sitzen wollen, ist öffentliche Zone. Die Führungskräfte arbeiten im selben Raum.

Und, sind Ihre Mitarbeiter zufrieden?

Ich glaube, ja. Wir haben den Raum zwei Jahre lang mit ihrer Hilfe geplant.

Haben Sie sich auch ein paar Spielchen ausgedacht? Angeblich ist man doch am kreativsten, wenn man sich etwas locker macht.

Das wichtigste Spiel ist das Gespräch, aber es gibt auch einen Billardtisch. Außerdem sucht sich ein Teil der Mitarbeiter jeden Morgen einen neuen Platz, das hat auch etwas Spielerisches. Laptop, Mobiltelefon und ein paar Unterlagen verwahren diese Nomaden in einem Rollcontainer.

Empfehlen Sie Ihr Konzept auch anderen Firmen?

Jedes Unternehmen muss sich die Umgebung schaffen, die zu ihm passt. Ich glaube an den individuellen Einrichtungsmix. Deshalb haben wir nicht nur neue Produkte im Katalog, sondern auch Klassiker.

Können die schönen, alten Möbel noch mithalten mit der neuen Zeit?

Natürlich. Selbst neue Stühle haben den Alu-Chair von Eames aus den fünfziger Jahren technisch noch nicht eingeholt. Er löst bei mir Glücksgefühle aus. In ihm begegnet man sich selbst oder seinem Ideal, wie in einem gelungenen Gemälde.

Gibt es eigentlich noch Möbel für Chefs - besonders wuchtige Tische und Sessel?

Bei uns nicht. Unsere Produkte haben alle eine gewisse Leichtigkeit und nicht das Auftrumpfende, Autoritäre alter Chefzimmer. Der moderne Chef ist erreichbar, er macht seine Arbeit transparent. In monumentalen Büros kommt man sich klein und unbedeutend vor.

Welchen Schreibtisch empfehlen Sie?

Keinen bestimmten. Den Schreibtisch gibt es längst nicht mehr, man stellt sich einen aus Komponenten zusammen - je nachdem, ob man Rechtshänder oder Linkshänder ist, groß oder klein oder ob man Stehpulte liebt. Wir bieten bestimmt an die 1000 Varianten an. Der Tisch an sich wird nun wieder schmaler, wegen der Flachbildschirme, und kleiner, weil wir immer weniger Papier benutzen. Unsere Computerleute sind heute schon stolz darauf, dass sie einen Laptop besitzen, aber keinen festen Arbeitsplatz.

Haben Sie auch eine Vision für die Konferenz?

Ein lebendiges Gespräch kann nur in einem Raum stattfinden, der Hierarchien nicht spüren lässt. Ein langer Tisch mit Chefplatz an der Stirnseite ist schlecht, er unterdrückt die Interaktion. Am besten wäre gar kein Tisch, aber man braucht einen, damit sich der Einzelne sicher fühlt. Es gibt bei uns auch Stehtische für die schnelle Konferenz - im Sitzen tagträumt man zu oft.

Werden Stühle etwa bald abgeschafft?

Nein, der Stuhl ist eine jahrtausendealte Konstruktion und ziemlich ausgereift. Radikale Neuerungen wie Sitzbälle oder Kniehocker sind allerhöchstens witzig, aber es gibt immer irgend jemanden im Büro, der darauf schwört.

Empfehlen Sie auch Farben?

Welche Farben wir lieben, unterliegt schwer erklärbaren Zyklen. Im Trend sind Weiß und helle Hölzer - alles Schwere, Dunkle wirkt zurzeit wie Ballast. Es gibt allerdings bereits eine Gegenbewegung - Wenge, ein dunkles und ökologisch korrektes Tropenholz, das in den Siebzigern mal Mode war, gilt jetzt wieder als schick.

Bekommen wir mit der New Economy ein grundlegend neues Möbeldesign?

Nein, zu einer Revolution braucht es größere soziale Umwälzungen und neue Materialien. Trotzdem hat sich im Büro mehr verändert als in der Wohnung. Vielleicht wird auch sie anders aussehen, wenn mehr Leute zu Hause arbeiten. Das kann man als Chance betrachten - wenn man die Auflösung der alten Arbeitsstrukturen gut findet.

Dann könnten Sie endlich eine Vorrichtung bauen, mit der man im Bett arbeiten kann.

So etwas gibt es längst - fest installierte schwenkbare Tabletts. Ich kenne Leute, die lieben es, im Bett zu arbeiten. Unsere Domäne wird das allerdings nicht. Wir sind nur für das Nickerchen zuständig.

Zur Startseite
 
    • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

      Vom Rand des Laufstegs

      Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

      • Nachgesalzen

        Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

        • Hinter der Hecke

          Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

          • Heiter bis glücklich

            Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

            Service