Entzweites Leben

Ein Porträt des Dichters Volker Braun, der in diesen Tagen den Büchner-Preis erhält von Fritz J. Raddatz

Unstrittig ein bedeutender Schriftsteller. Was aber ist es, das seine Texte so brennend genau, poetisch dicht, gelegentlich deklamatorisch macht? Die literarische Methode des Volker Braun ist hoch kompliziert. Er selber hat das Verfahren einmal "konspirativen Realismus" genannt. Das klingt griffig - aber es greift.

Die Gedichte und Prosaarbeiten des 1939 in Dresden Geborenen, der mehrere Jahre Dramaturg des Berliner Ensembles war, sind immer "doppelt"

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sie können plan gelesen werden, doch sie schmuggeln im Rock Konterbande. Das ist die Ursache für allerlei Aufhaltsamkeiten: Kipper Paul Bauch, sein Stück über das Scheitern eines Hilfsarbeiters, konnte erst zehn Jahre nach Entstehen mit verändertem Titel 1972 in Magdeburg aufgeführt werden, das Dokumentarstück Lenins Tod - in dem der Revolutionär die Katastrophe der Revolution erkennt - erst 18 Jahre nach seiner Fertigstellung 1970. Volker Braun ist ein Kommunist, der dem Kommunismus misstraut: "Partei mein Fürst: sie hat uns alles gegeben / Und alles ist noch nicht das Leben. / Das Lehen, das ich brauch, wird nicht vergeben."

Es sind vor allem seine Gedichte - von denen nicht zu wenige zu den schönsten der deutschen Gegenwartsliteratur zählen -, die das Unheimliche einer verschatteten Dialektik vorführen: ein Ich, das sich einbinden will in das Movens der Geschichte

und sich im selben Moment gebunden fühlt, gefesselt.

"Jeder Schritt, den ich noch tu, / reißt mich auf."

Volker Braun, dem einst ein DDR-Funktionär angedroht hatte, man müsse ihn erschießen (zu gerne wüsste man, in welches Loch sich dieser Herr mit welcher "Staatsdienerpension" verkrochen hat)

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