Die von Menschen seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden bewirtschaftete Natur- und Kulturlandschaft in den Bergen muss weiter gepflegt werden, wenn wir sie nicht verlieren wollen. Diese Landschaft muss besiedelt bleiben, sonst gehen wir das Risiko ein, dass sich die Landschaft vollkommen verändert. Doch ist es dort viel teurer und komplizierter, Häuser und Straßen zu errichten und Landwirtschaft zu betreiben. Deshalb ist es notwendig, hier Subventionen auszuschütten, um Bergbauern dort oben zu erhalten, und Seilbahnen und Straßen zu bauen, um dorthin zu kommen.

Wie können wir überleben? Jedes Tal muss authentisch bleiben. Das kulturelle Erbe der Alpen ist enorm, dazu gehören die Waalsysteme, Bergbauernhöfe, die regionale Küche, die Abtriebe der Schafe, auch die Trachten. Das alles muss verzahnt werden mit dem Tourismus, um in den Alpentälern Strukturen zu schaffen, damit die Menschen hier bleiben können. Die Menschen aus den Berggebieten Europas fänden in den Ballungsgebieten auch nur schwer Platz und Arbeit.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Tourismus in den Bergen zu betreiben. Hier auf Juval zum Beispiel habe alte Bausubstanz mit Neuem kombiniert. Allerdings: Hätte ich nicht viel Geld investiert und das Projekt mit meinem Namen bekannt gemacht, wären diese nachhaltigen Strukturen hier nicht existent. Die Burg ist der Motor. Sie ist heute außer für meinen Schlosswirt noch für zwei weitere Gasthäuser Lebensgrundlage. Und der Bauer auf dem Hügel bekommt durch die Direktvermarktung mehr Geld, als er unten beim Schlachter im Tal erhalten würde. Grundsätzlich müssen wir erreichen, mit der EU-Landwirtschaft nicht mehr das Produkt zu subventionieren, sondern die landschaftsgärtnerische Tätigkeit der Bauern zu honorieren.

Auf Dauer werden wir nur Erfolg haben, wenn wir unsere neue Philosophie in den Ballungszentren verankern. Wir brauchen diejenigen Menschen dort, die unsere Form des Tourismus annehmen. Deshalb ist es genial, was das Salzburger Land tut: sich mit einem Skizentrum im Ruhrgebiet zusammenschließen, dort werben und dadurch mehr Touristen anziehen.

Wenn wir die Liaison Ballungszentrum/Berggebiet nicht erreichen, lösen wir auch die ökologischen und wirtschaftlichen Probleme nicht. Südtirol, das Trentino und Nordtirol könnten zusammen werben und die Alpen weltweit als Tourismuszone anbieten. Wir sollten uns nach außen hin gemeinsam präsentieren. Und nach innen hin abgrenzen durch die lokale Eigenständigkeit. Die Alpen müssen ein Flickenteppich möglichst vieler verschiedener Kulturen mit Betonung des jeweils Lokalen, der Tracht, der Küche, des Baustils, der Lebensart sein. Wir dürfen nicht die Alpen amerikanisieren und in eine Disney- und McDonald's-Landschaft verwandeln. Eine vernünftige Politik wäre, die Touristen alpenweit zu verteilen. Auf Dauer darf es keine Subventionspolitik mehr geben. Langfristig müssen die Erfolgreichen belohnt werden.

Wir müssen in den Alpen wieder viel mutiger sein und das Thema Berg neu besetzen. Und dabei das kulturelle Erbe und unsere Landwirtschaft einbinden. Wer sich in den Bergen gern erholt, sollte in den Alpen sein Angebot finden. Wir müssen Mobilität schaffen, die Touristen zu uns zu bringen, in den Ferienorten aber Stillstand und Ruhe gewährleisten. Die Werte der Berge, die Stille, Harmonie, Erhabenheit und auch Gefahr müssen unterstrichen werden. Die Politiker müssen kapieren, dass es um Jahrzehnte und Jahrhunderte geht. Und nicht um 4-Jahres-Wahlperioden.

Anmerkung:
Wir planen, den Tourismus zwischen Vent und Juval weiter kritisch zu begleiten, und wollen auch im nächsten Jahr eine ähnliche Projektreise in das Gebiet unternehmen. Der Termin wird ähnlich sein wie 2000, steht aber noch nicht genau fest. Sollten Sie an diesem oder anderen Leser-Projekten mit der ZEIT Interesse haben, schicken Sie eine Mail an loppow@zeit.de. Wir informieren Sie dann, auch wenn Sie die Ankündigung in der ZEIT verpassen sollten.