In Soweto-East biegen wir von der Autobahn wieder in die Township ein. Unser Reiseleiter heißt Jimmy. Mit seinen "Face to Face Tours" können Touristen einen Blick hinter die scheinbar tristen Fassaden seines Geburtsortes werfen. Er steht mit seinem Unternehmen für schwarze Selbstinitiative und ist damit längst wohlhabend geworden. Seit 15 Jahren zeigt er seinen Kunden, "dass Soweto kein toter Slum ist, sondern eine sehr, sehr lebendige Stadt." Mittlerweile drängen sich 40-50 Townships (die genaue Zahl kennt niemand) auf den 120 Quadratkilometern Sowetos. 1,5 bis 2 Millionen Menschen leben hier in Vierteln unterschiedlichster Gestaltung. Nur wenige Meter trennen Wellblech-Barackensiedlungen von Vierteln wie Diepkloof Extension mit villenartigen Häusern. Hier leben prominente schwarze Fernsehmoderatoren, landesweit angesehene Künstler und wohlhabende Unternehmer - 30 schwarze Millionäre sind inzwischen registriert.

Bei einem Großteil der Bevölkerung Sowetos regiert weiter Armut und Arbeitslosigkeit, die offiziell noch immer mit 40 Prozent angegeben wird. Doch im Mikrokosmos Soweto arbeiten Tausende nicht registrierter Kleinstunternehmer. Handwerker, fliegende Händler, Wohnzimmerwirte oder Besitzer zahlloser Toyota-Kleinbusse, die den Verkehr zu den Arbeitsstätten in Johannisburg organisieren.

Eine dieser Wohnzimmerkneipen ist das DJ's Inn, in der die ZEIT-Reisenden eine Pause einlegen. In der früheren Garage des Klinkerhauses befindet sich heute ein Restaurant mit Bar. Die Tische zieren Stofftischdecken, Blumen und gestärkte Servietten. Am Abend werden afrikanische Küche und T-Bone-Steaks serviert - für die schwarze Mittelklasse und für Touristen. Viele dieser inzwischen 40-50 Lokale steuert Jimmy mit seinen Bussen an und verschafft den Betrieben ein zusätzliches Einkommen. Orte wie das DJ's sind die Kommunikationszentren Sowetos. Die Menschen kommen zum Zeitung Lesen, Billiard Spielen und zum Diskutieren über die Politik ihres Präsidenten Mbeki. "Johannisburg ist tot, Soweto lebt", sagt Jimmy. "Niemand will in der Festungsanlage der Stadt wohnen, wo mit Beginn der Dunkelheit alles öffentliche Leben erstirbt." In Soweto spielt sich das Leben auf der Straße ab.

Die Landflucht, der Zustrom von immer mehr Menschen aus dem ganzen Land, die hoffen, zumindest Brosamen der urbanen Wohlstandsgesellschaft aus reichen Vierteln wie Sandton zu erhaschen, droht alle kleinen Fortschritte zunichte zu machen. Die Beschaffungskriminalität für Alkohol und zunehmend härtere Drogen grassiert, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung, und alle 5 Sekunden wächst die Bevölkerung mit einem neugeborenen Kind. Und die gewaltige AIDS-Infektionsrate droht einen Großteil der jungen Bevölkerung auszulöschen.

Auch Jimmy ist längst aus Soweto fortgezogen, nachdem er selbst zweimal entführt worden ist. Dennoch: Selbst in den bescheidenen Wellblechhütten findet sich oft eine Würde der Armut, die für wohlsituierte weiße Besucher schwer zu verstehen ist (dazu auch die täglichen Momentaufnahmen aus Soweto).

Eine Stunde später besteigen die ZEIT-Reisenden das Flugzeug nach Richards Bay. Gelandet am Flugplatz des größten Tiefseehafens an der Küste der Provinz Kwa Zulu Natal empfängt sie nicht der warme Frühling, sondern eine tiefhängende Wolkendecke. Auf der Nationalstraße N2 geht es entlang endloser Eukalyptusplantagen, einer Art grüner Industriezone der mächtigsten Papierwirtschaft der Welt. Nichts gedeiht hier außer den schnellwachsenden Nutzbäumen. Keine Tiere durchstreifen den lichten Wald, auf dessen Baumkronen kein Vogel nistet. Die ZEIT-Reisenden sind froh, nach anderthalb Stunden Fahrt die Oase der Bushlands Game Lodge zu erreichen und die Zimmer in ihren gemütlichen Holzhütten zu beziehen, - und neugierig darauf, nach den aufregenden Erelbnissen in der Megalopolis Johannesburg hier ein ganz anderes Land kennenzulernen. Out in Africa.