Langsam steuert Kapitän Nikolas über den nur gut anderthalb Meter tiefen Fluss Ästuar, der den Binnensee mit dem Meer verbindet. Vor 25.000 Jahren türmte der Wind am Ufer des Ozeans bis zu 200 Meter hohe Dünen auf, so dass der See nur noch an seinem südlichsten Zipfel einen Meereszugang hat. Die ZEIT-Reisenden richten ihre Ferngläser auf eine beeindruckende, sinnenbetörende Landschaft. Mangrovenwälder ziehen vorbei, Hibiskusbäume mit gelben Blüten. Am Ufer dösen riesige Krokodile träge in der Vormittagssonne. Goliathreiher spähen vom Ufer nach Beute. Direkt vor dem Boot vergnügt sich eine Herde Flusspferde. Als Schutz vor den Krokodilen haben die erwachsenen Hippos einen Ring um ihre Jungen gebildet. Sie fürchten die Reptilien nicht, gelten sie doch selbst als die gefährlichsten Tiere Afrikas. Mehr als 40 Menschen töten sie jedes Jahr allein in Südafrika.

Alle Tiere finden im Park ihr Rückzugsgebiet vor dem Menschen, der ringsum viel Unheil angerichtet hat. Auch dieses einmalige Biotop - die Artenvielfalt ist hier größer als in den berühmten Schutzgebieten Kruger Nationalpark und Okawango Delta zusammen - war bis vor kurzem durch Eingiffe des Menschen gefährdet: Der anthrazitfarbene Sand an den Ufern des Sees und der Ästuar enthalten kostbares Titan - ein Schatz in den Augen manch multinationalen Bergbauunternehmers. In einer gemeinsamen Initiative südafrikanischer Umweltschützer, des WWF und ausländischer Unternehmen wie beispielsweise der Deutschen Lufthansa gelang es, den gigantischen Raubbau zu verhindern. Vor einem Jahr erhielt der St. Lucia Wetland Park den ökologischen Ritterschlag: Die Unesco erklärte ihn zum Weltkulturerbe.

Nun braucht auch dieser Park vor allem eines, damit die in der Gegend lebenden Menschen ihr Auskommen finden: genügend Besucher aus dem In- und Ausland, die bereit sind, Geld in Lodges, Restaurants, Souvenirshops und bei fliegenden Straßenhändlern zu lassen. Für Naturerlebnisse, wie es sie nicht mehr an sehr vielen Orten gibt. Drei Seeschreiadler, gut zu erkennen an ihrem weißen Kopf- und Brustgefieder, kreisen über dem Boot, lassen sich majestätisch in der Thermik treiben. Plötzlich stößt ein Prachtexemplar hinunter auf den See um sich blitzschnell mit einem zappelnden Fisch im Schnabel wieder aufzuschwingen. Mittagsmahl à la St. Lucia.

Schutzgebiete wie St. Lucia sind Bollwerke gegen jene Umweltzerstörung, die auf der Weiterfahrt nach Durban zu besichtigen ist. Auf fast 200 Kilometern prägt ein monotones Bild die Landschaft. Exakt ausgerichtet wie die Soldaten eines Heeres wachsen Zuckerrohr und Eukalyptusbäume in riesigen Plantagen - der Reichtum der Zucker- und Papierbarone. In nur acht Jahren wuchert beispielsweise ein Eukalyptusspross auf über zehn Meter Länge empor. Ein einziger ausgewachsener Baum saugt über 150 Liter Wasser aus der Erde. Dann ist es Zeit, die dünnen Stämme zu schlagen und in den Papierfabriken, den größten Umweltsündern der Region, zu verarbeiten. Gerade recht für den Transport in alle Welt kommt dann Richards Bay, der größte und modernste Tiefseehafen der südlichen Hemisphäre. Wo noch vor einem Vierteljahrhundert nichts als unberührter Urwald war, leben heute 90.000 Menschen. Eine gesichtslose Stadt, die alle drei Jahre die Zahl ihrer Bewohner verdoppelt. Andererseits: Der Umweltfrevel bringt, was Südafrika am dringendsten braucht: Arbeitsplätze.

Abends dann wieder: Lichter der Großstadt. Durban, die Metropole Kwa Zulu Natals, wegen des milden Klimas und seiner kilometerlangen Strände schon immer eines der wichtigsten Ferienzentren Südafrikas. In noblen Vororten wie Umhlanga stehen die prächtigen Sommervillen der Papier-, Zucker- und Diamantenbarone Südafrikas. Wenigstens in ihren üppigen Gärten legen sie Wert auf unversehrte Natur.

 

Dazu: