Jeden Tag Prügel, Erniedrigungen und Beleidigungen, immer wieder Isolationshaft, manchmal Folter. Nachts die Alpträume, der Hunger, die unendliche Einsamkeit. Das dumpfe Schlagen der Stahltüren, das Gebrüll der weißenWächter, die die Gefangenen wie Tiere behandelten. Die Schwarzen schimpften sie Kaffern. Inder wie Naidoo waren Kulis. Den Erzfeinden der Apartheid sollte das Rückgrat gebrochen werden, doch sie wurden mit jedem Tag, jedem Hungerstreik, jeder im Laufe der Jahre erkämpften Hafterleichterung widerstandsfähiger, stärker, selbstbewußter.

Wie das alles zu ertragen war? Durch unstillbare Hoffnung und unbeugsamen Willen. Nelson Mandela lebte den Gefährten vor, wie man seine Menschenwürde unter inhumanen Bedingungen bewahrt. "Wir wußten einfach, dass wir am Ende siegen werden." Und heute? Können die Wunden verheilen? Was tun gegen die Qual der Erinnerung? "Reden, reden, reden", sagt Naidoo. "Je mehr ich von meinen Erfahrungen auf der Insel weitergebe, desto leichter wird es. Man muß es rauslassen." Es ist, als würde mit den Worten die Last von der Seele genommen - die kathartische Kraft des Erzählens. Naidoo hat seine Geschichte aufgeschrieben: "Island in Chains", Penguin Books, ISBN 0 140 06053 7.

Dann, draußen vor den Steinbrüchen, in denen die Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten, wieder das göttliche Panorama: tiefblauerAtlantik, Tafelberg, der Hafen von Kapstadt, zum Greifen nah und doch so unwirklich, so sternenweit von der Insel des Schreckens entfernt. "Wir vergeben unseren Peinigern. Aber wir werden nie vergessen," sagt der Gefangene Nummer 885/63 zum Abschied.

District Six. Ein Wohngebiet im Herzen der Stadt, das es nicht mehr gibt. Grasüberwuchertes Brachland, reißbrettgenau parzelliert, durchschnitten von Teerbändern, drei einsame Moscheen - hier lag einmal ein kosmopolitisches Viertel, in dem Schwarze, Weiße, Farbige, Inder und Kapmalaien friedlich zusammenlebten. 1966 wurde es zum "weißen" Territorium erklärt und regelrecht ausradiert. Den Bewohnern sind nur noch die Erinnerungen geblieben, dazu ein paar vergilbte Fotografien, Straßenschilder, Tellerscherben, Pflastersteine, die sie in einem kleinen Museum aufbewahren - ein Lapidarium, das den Rassenwahn dokumentiert.

Noor Ebrahim ist im District Six aufgewachsen. Im Haus seiner Urgroßeltern, Großeltern und Eltern. Auch sein Sohn ist im Stammhaus geboren. "Dann war plötzlich alles weg, die Gebäude, die Habe, unsere Lebensgrundlage." Heute leitet Ebrahim das District Six Museum. Er führt die ZEIT-Reisenden durch das zum Teil überbaute, zum Teil brachliegende Gelände - eine häßliche Narbe im wunderschönen Antlitz der Stadt. Aber auch Noor Ebrahim plagen weder Rachsucht noch Hass. Er will nur die paar Quadratmeter zurück, auf dem sein Elternhaus stand.

 

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