Der Mann ist ein Naturereignis. Eine Art heiliger Franziskus des südafrikanischen Busches, in Shorts, die nachtblauen Kniestrümpfe akkurat hochgezogen. Die Schnürsenkel in den Bergschuhen leuchten korallenrot, und am langen Arm hält er eine kleine Kühlbox aus Styropor mit unserer Wegzehrung: drei Dosen Tonic und ein bisschen Gin in Marmeladengläsern. Aber vor der Getränkepause ist noch eine Lektion in Naturkunde und Kulturgeschichte dran. Aus welchem Holz die Zulus ihre Häuser bauen. Warum dieser Baum hier rechts sich nur bedingt für Zäune eignet: Er wächst auch nach dem Fällen munter weiter. Diese Wurzeln da. Ausgraben, klein schneiden, heißes Wasser drauf, trinken - unweigerlich dreht sich das Unterste nach oben, und alles Schlechte kommt heraus.

Und hier, Vorsicht, ein kite spider, geformt und gefärbt wie ein schriller Lenkdrachen, nur kleiner, Gott sei Dank. Dann isst Bhekhi noch ein paar Stängel direkt vom Baum - angeblich schmecken sie wie Gurke - und zeigt, wie man ein anderes Zweiglein so zurechtkaut, dass daraus eine prima Zahnbürste wird. Und jetzt mal einen Augenblick Ruhe, da vorne stehen gerade drei Zebras und ein paar Gnus im Wald.

Am schönsten freilich ist die Geschichte, wie man mit einem Zweig des Büffeldorns und einer Ziege die bösen Geister vertreibt und seine Ahnen beschwichtigt. Doch die dauert inklusive allen Gestikulierens eine halbe Stunde, und deshalb sei hier nur so viel verraten: Es funktioniert. Behauptet Bhekhi.

Jedes Zimmer hängt wie ein nobles Baumhaus im Dickicht Der komische Heilige ist Angestellter der Nibela Lake Lodge. Ein Hotel, nein, eher ein Luxushüttendorf auf einer Halbinsel mitten im Lake Saint Lucia. Jedes der elf Zimmer hängt wie ein nobles Baumhaus im grünen Dickicht am Uferhang; hölzerne Stege, über denen dick der Duft von Gardenien wabert, verbinden die Unterkünfte mit dem Haupthaus. Hier sitzt man auf der Terrasse vor der Bar und lässt den Blick schweifen über den 40 Kilometer langen See, der wie ein krakeliges großes H in die Küstenlandschaft des südafrikanischen Bundesstaates Kwazulu-Natal gebettet liegt. Einem Hochgebirgskamm gleich zeichnet sich am Horizont der Dünenstreifen ab, der den See vom Indischen Ozean trennt.

Ursprünglich war der See ein Meeresarm, aber vor rund 25 000 Jahren türmte steter Wind die bis zu 200 Meter hohen Dünen auf, sodass der See heute nur noch an seinem südlichsten Zipfel mit dem Ozean verbunden ist. Diese Vorgeschichte, zu der auch ständige Schwankungen des Meeresspiegels, das Entstehen von Sandstein und Korallenriffen gehören, hat ein weltweit einzigartiges Ökosystem hervorgebracht. Eigentlich ist es ein kompliziertes In- und Miteinander folgender fünf Ökosysteme: Meer und Küste mit Korallenriffen und wunderbaren Sandstränden; bewaldete Dünen; der eigentliche See, extrem flach und wankelmütig (Wasserstand, -temperatur und Salzgehalt schwanken ständig); die Mkuze-Sümpfe vollerPapyrus, Schilf, Wasserlilien und allem, was zu einem richtigen Sumpf gehört; schließlich die Trockensavanne am westlichen Rand mit ihren Fieberbäumen und Termitenhügeln.

"Wir möchten nicht, dass Sie gefressen werden"

Und so unendlich vielfältig wie die Gegend ist auch alles, was man hier tun kann. Wer mit Bhekhi aus dem Wald zurück ist, macht vielleicht mit ihm noch eine Bootstour. Der Mann kann nämlich nicht nur gut hören, sondern auch gucken. Vom Schiffchen der Lodge aus späht er nach Schreiseeadlern, deren weißes Kopf- und Brustgefieder aus den großen Bäumen am Ufer herausleuchtet. Oder deutet auf die Antilopen dieser Gegend, Njalas, Impalas und die kleinen Rotducker, die mit Blick auf den See friedlich vor sich hin äsen. In entlegeneren Ecken hocken außerdem Pelikane, und bis zu 60 000 Flamingos stehen sich hier ihre dünnen Beine in den Bauch. Wenn man von all dem Getier die Nase voll hat - kann man dann vielleicht im See ein Bad nehmen? Da wiegt Bhekhi bedenklich mit dem Kopf und weist hinüber auf ein paar schwarze Knubbel, die aus der glatten, bleigrauen Wasseroberfläche ragen. Treibholz vielleicht oder Felsen? Komisch nur, dass diese Brocken merkwürdig rülpsen und außerdem mit den Ohren wackeln. "Hippos", sagt Bhekhi, Flusspferde. Rund tausend Dickwänste stehen im Wasser oder pflügen durch den See. Und in der Nacht kommen sie zum Fressen an Land, spazieren oft kilometerweit durch die Gegend.