Man denke: wir haben eine Katastrophe hinter uns, die uns unserer Häuser, Wohnungen, Möbel und unseres Hausrats beraubte; die Betäubung vom erlittenen Schlage ist gewichen, wir wachen auf, reiben uns die Augen – und siehe, wir sitzen inmitten von Stilmöbelgarnituren, Diplomatenschreibtischen, barocken Küchenbüfetts und Frisiertoiletten nebst Gondeln, inmitten von Kaukasisch-Nußbaum und Chippendale. Die Haar- und Kleidermode hat inzwischen dreiundzwanzigmal gewechselt, das Ausland, das doch verschont blieb von gewaltsamen Eingriffen in seine Wohngepflogenheiten, hat einen neuen Wohnstil gefunden, das Prächtige mit dem Schlichten, das Wuchtige mit dem Leichten, das Repräsentative mit dem Heiteren, das Gezierte mit dem Schmucklosen, nur durch die Schönheit der Bauform wirkenden Möbel, vertauscht – aber davon nimmt man bei uns kaum Notiz.

Immerhin gibt es, neben einem Dutzend wirklich fortschrittlicher Möbelfabriken, solche Bemühungen wir die des "W-K.-Sozialwerks", das in vier Programmen gute und preiswerte (wenn auch nicht billige) Möbel herausbringt, Stücke, die dem modernen Gefühl für die Helle, Weite und Luftigkeit eines Raumes entsprechen. Die Produktion enthält Wohnzimmer, Schlafzimmer, Wohnküche und Kochnische, letztere nach Schwedenart als Rundumküche, wo Kochstelle, Anrichte, Spültisch und Schränke in lückenloser Anordnung nebeneinander rund um die drei Wände führen- eine tadellose Lösung für jene, die das Wohnschlafzimmer der Wohnküche vorziehen und also nur einen Arbeitsplatz für die Hausfrau brauchen. All diese Einzelmöbel haben zierliche Maße – die neuen Wohnungen sind zu klein für gewichtige Kästen und Kommoden – und ihnen fehlt jegliche Art von Dekoration, von Schmuck als Zutat. Unsere Zeit hat zum Spiel, also auch zum Spiel mit Formen, kein Verhältnis mehr. Das gab es zuletzt am ausgiebigsten im Barock und Rokoko. Das feinfühlige Biedermeier dagegen wollte nichts vortäuschen, was es nicht mehr konnte. Deswegen sind die Biedermeiermöbel so klar in der Linie und auch heute noch beliebt. Leider fehlt vielen unserer Möbelhersteller dies feine Gefühl, und so kommt es zu den unechten Konstruktionen und Ornamenten, aus dem schönen Spiel von früher ist geschmacklos-prätentiöse Verspieltheit geworden.

Die guten neuen Möbel sind auch nicht kostbar, sie stellen keine Vermögensanlage dar und sollen auch kein Vermögen prunkvoll repräsentieren, sie haben überhaupt mit Vermögen und Repräsentation nichts zu tun, sondern mit praktischen täglichem Gebrach und Augenfreude. Ebenso wie unsere Stoffe und unser Schmuck nicht mehr kostbar sind, und trotzdem sind wir hübsch angezogen, ist das kostbare Holz und eine kostspielige Verarbeitung stillos für Leute, die soeben mit dem nackten Leben davongekommen sind. Rüster, Birnbaum, Buche, Esche – das ist unser Material.

Nicht so sehr das überreichliche Angebot veralteter, unechter und für karge Wohnverhältnisse unpassender Möbel ist jedoch das Hindernis auf dem Wege zu einem neuen Wohnstil, die gefährlichen Hindernisse liegen in den Seelentiefen der Hausherrin, in ihrer gemütvollen Anhänglichkeit an Tand und Kram, an zärtliche Dekorationen und Ecken mit Familienfotos und an allerlei Gegenstände, die mehr scheinen als sie sind, craquelierte Lampenschirme zum Beispiel und billige Perser. Es gibt nicht wenige Frauen, die stets nach der letzten Mode gekleidet sind – aber ihre Gardinen hängen sie wie zu Großmutters Zeiten und erlustieren sich an Draperien und Stores, an gekreuzten Schals, an merkwürdigen Gebilden von Scheibengardinen, die die Fenster sinnlos zerschneiden; mondän bei Tage, schlafen sie gutbürgerlich bei Nacht, unter Alabasterschalen, an drei Schnüren aufgehängt und fallen prompt auf alle Stehlampengreuel, letzte Aufstoßer des Jugendstils, herein. Viel sündigen die Herrinnen des Hauses auch mit den Bildern, sie hängen sie im munteren Zickzack, hoch und niedrig, wie’s gerade kommt, ohne zu bedenken, daß das Auge jedesmal die Bildmitte treffen sollte und daß dies über Büfetts und Schränken schlecht der Fall sein kann. Wahllos sind sie auch in der Zusammenstellung der Bilder; sie placieren den Ölschinken neben gerahmte Postkarten, den Piperdruck neben die Fotos vom ersten Schulgang und vom Betriebsjubiläum, Seestücke, oberbayrische Landschaften und Charakterköpfe im tauten Verein.

Und von allem viel zuviel! Möchten doch die Herrinnen des Hauses sich gelegentlich daran erinnern, daß auch die leere Fläche ein ästhetischer Wert ist, möchten sie gelegentlich Abbildungen japanischer Landhäuser betrachten, um die Schönheit freier Möbelflächen ohne Nippes, eines unverhangenen Fensters zu empfinden. Diese kraftvollen, ungestörten Perspektiven, dies ruhige und gesammelte Zueinander von Flächen und Linien könnte wohl dazu beitragen, uns aus der Zerstückelung und Zerrissenheit unseres Daseins zu befreien. Jede Blumenvase, die ins Innere der Anrichte, und jedes Deckchen, das ins Innere des Wäscheschrankes verschwindet, ist ein Schritt auf diesem Wege. Keine Angst vor Kahlheit und Kargheit! Die Ruhe, die von dem Wenigen ausgeht, was bleibt, wird so wohltuend sein, daß der neue Zustand nicht anders denn als klar und sammelnd empfunden wird. Es wird sein wie die plötzliche Stille nach viel Geschwätz und Durcheinanderreden (denn jedes Ding, das da im Raum versammelt war, redete ja!). Und wer glaubt, sich vom Anblick eines besonders geliebten Gegenstandes nicht trennen zu können – er mag ihn hervorholen, sooft ihn danach verlangt, und wird ihm damit mehr Ehre antun, als wenn er hundertmal des Tages sein Auge gleichgültig über ihn hingehen läßt.

Der neue Wohnstil ist, wie alle großen und wertvollen Dinge dieses Jahrhunderts, Rückkehr zu etwas. Rückkehr und Besinnung auf den anfänglichen und ursprünglichen Sinn des Raumes, der nicht ein mit Holz und Stoff vollgepackter und –behangener Kubus ist, in dem man nicht gehen und voll atmen kann, sondern Leere, begrenzte Leere, und ein Drinnen, das uns hilft, unserer selbst inne zu werden.

Aus DIE ZEIT Nr. 43 vom 26. Oktober 1950, S. 10