Fast wäre die Sache gleich am Anfang schief gegangen. Gerade wurde den Christdemokraten das Wort von der "deutschen Leitkultur", das ihr Fraktionsvorsitzender Friedrich Merz ins Spiel gebracht hatte, selbst wieder unheimlich. Allzu dubiose Interpretationen ließ der Begriff zu. Da entdeckten die Parteispitzen, dass sie sich auf einen idealen Gewährsmann berufen konnten. Nicht Merz habe die deutsche Leitkultur erfunden, erklärte Angela Merkel nun auf einmal, sondern "der in Deutschland lebende syrische Orientalist" Bassam Tibi. Was könnte faul an ihr sein, wenn sich ein "deutscher Ausländer" (Merkel) und "großer Islamforscher" (Stoiber) wie der Professor Tibi für sie verwendet? Die Unionspolitiker gucken treuherzig - und freuen sich ihres schlauen Schachzugs.

Ob sie wissen, auf was sie sich eingelassen haben? Und auf wen? Als intellektueller Fähnleinführer im identitätspolitischen Diskurs über die deutsche Leitkultur taugt im Grunde niemand so schlecht wie Bassam Tibi. In seinen von der Union neuerdings aus dem Hut gezogenen Arbeiten, besonders dem 1998 erschienenen Band Europa ohne Identität?, legt der Göttinger Politologe zwar in immer neuen Anläufen dar, weshalb gerade heterogene Einwanderungsgesellschaften wie die deutsche eine Leitkultur brauchten. Nur geht es Tibi weder um diffuse Dinge wie "die Fahne, die Nationalhymne, Heimat" (Merkel) noch überhaupt um irgendwie spezifisch deutsche Angelegenheiten. Bassam Tibi sieht sich dem Erbe der europäischen Aufklärung verpflichtet. Seiner Ansicht nach sind legitime Zutaten der Leitkultur in westlichen Gesellschaften allein "säkulare Demokratie, Menschenrechte, Primat der Vernunft gegenüber jeder Religion, Trennung von Religion und Politik in einer zugleich normativ wie institutionell untermauerten Zivilgesellschaft".

Um Kultur, ob deutsch oder nicht, geht es also gar nicht. Jedenfalls stehen Tibis Vorstellungen dem universalistischen Konzept des "Verfassungspatriotismus" seines akademischen Lehrers Jürgen Habermas allemal näher als jeder Tümelei: "Die deutsche Idee der Nation als exklusive Kulturnation entspricht nicht den europäischen westlichen Werten, weil sie letztendlich ethnisch oder exklusiv-kulturell bestimmt ist", schreibt Tibi. Spätestens damit ist klar, weshalb der 1944 in Damaskus als Abkömmling einer angesehenen Notabelnfamilie geborene Wissenschaftler eigentlich ganz untauglich sein müsste für den Dienst als wohlfeiler Vorzeigearaber der Union.

Eigentlich. Doch bei Bassam Tibi liegen die Dinge komplizierter. Sein Beispiel selbst macht die komplexen Verhältnisse einer Einwanderungsgesellschaft deutlich, denen mit kurzschlüssigem Rückgriff auf deutsche Kultur in Zukunft nie mehr gerecht zu werden sein wird: Tibi, seit 1962 in Deutschland und seit 1976 deutscher Staatsbürger, betrachtet sich längst auch kulturell und psychologisch als Deutschen. "Deutsch ist meine geistige Heimat", sagt er. Keinesfalls "Araber mit deutschem Pass" will er sein, sondern gleichberechtigter Bürger, der aber weder seine Wurzeln noch seinen Glauben verleugnen will, um Citoyen der deutschen Republik sein zu können: "Ich stehe voll hinter dem Konzept der Migration und bin gegen alle Formen ethnisch, religiös, kulturell oder politisch geschlossener Gesellschaften", schreibt er. "Dies ist bedingt durch mein eigenes Dasein als ein Migrant, mit frei erworbener deutscher Staatsangehörigkeit, semitisch-arabischer Abstammung und sunnitisch-muslimischen Glaubens."

Anders bleiben und doch dazugehören, "ebenbürtig sein, ohne assimiliert zu werden" - darum geht es Tibi wie vielen Einwanderern. Ein lauteres Anliegen, das allen regressiven Vorstellungen von deutscher Leitkultur geradewegs zuwiderläuft, wie Tibi auf Nachfrage ausdrücklich bestätigt. Weshalb aber wird dann sein jüngster Beitrag für Focus mit der Losung angekündigt: "Bassam Tibi fordert deutsche Leitkultur"? Und warum lobt Tibi darin die "zu Recht geäußerten Forderungen von Unions-Fraktionschef Friedrich Merz"? Wie passt das zusammen?

Überhaupt nicht - und dass er das selbst kaum noch bemerkt, macht Tibis Tragik aus. In den achtziger Jahren ein angesehener Forscher, hat er im Drang nach Geltung und Anerkennung inzwischen offenbar jede Übersicht verloren. Dass er 20 Bücher in deutscher Sprache veröffentlicht habe, 5 auf Englisch, in 13 Sprachen übersetzt worden sei und dafür auf allen Kontinenten geschätzt werde, ist dem Mann wichtig, der nur vier Stunden pro Nacht schläft und 100 000 Mark pro Jahr allein für seine Flugtickets benötigt. Überall werde er geachtet, nur nicht an der deutschen Universität, nur nicht von seinen Kollegen. Dass er aber gerade auch durch die serielle Produktion haarsträubend fahriger Bücher, durch rastlose Medienpräsenz und pausenlose Kollegenschelte längst die hart erarbeitete wissenschaftliche Reputation verbraucht hat, will Tibi nicht wahrhaben. Für "hundertprozentig ausgegrenzt" hält sich der ewig Missverstandene - und kann sich als Motiv stets nur "deutschen Neid" und fremdenfeindliche "Verfemung" vorstellen.

Und so sucht Tibi Zuflucht, wo immer man ihn für den großen Gelehrten hält, der er heute tatsächlich sein könnte: im Ausland, bei wechselnden Medien - und nun eben bei den christdemokratischen Freunden der deutschen Leitkultur. Dass die Union noch viel Freude an Tibi haben wird, ist dennoch unwahrscheinlich. Auf die schnelle Verbrüderung folgte bei ihm bisher noch jedes Mal der bittere Streit.