U S - W A H L K A M P F Die neue Selbstverständlichkeit
Warum der amerikanische 7. November für die Deutschen ein Tag wie jeder andere sein wird
Leute "vom Fach" schauen jetzt wieder aufmerksam nach Amerika. Gore gegen Bush jr. - das wird knapp, und davon hängt auch ab, ob die USA eine "europäische Macht" (Richard Holbrooke) bleiben werden. Präsidentschaftskampagnen in den Vereinigten Staaten haben den Rest der Welt lange in den Bann geschlagen, fast so, als stünde dort eine Weltregierung zur Wahl. Als einer vom Fach möchte man diese Attraktion natürlich ausnutzen. Doch als das Thema aus gebotenem Anlass auf dem Seminarplan stand, stöhnte eine Studentin: "Schon wieder Amerika!" Sie schlug vor, sich zur Abwechslung mit den polnischen Präsidentenwahlen zu befassen. Die Bewerber für das Weiße Haus kenne hier bald jedes Kind, aber vom politischen Leben im unmittelbaren Nachbarland wüssten selbst interessierte Studenten so gut wie nichts. Europe first? Ein Kommilitone gab zu bedenken, die USA seien immerhin unser wichtigster Partner und als einzig verbliebene Supermacht einflussreicher denn je. Auch das klang aber eher nach Pflichtübung als nach jenem leidenschaftlichen Pro und Contra, das beim Thema Amerika bis in die achtziger Jahre vorgeherrscht hatte.
Die abgeklärte Haltung ist durchaus repräsentativ für eine Generation, der Amerika als Vorbild oder Schreckbild nicht mehr einleuchtet und der die "Amerikanisierung der Welt", das Thema des American Century, Anathema geworden ist. Wenn überhaupt, liegt die Neue Welt anderswo: Für einige im wilden Osten, für manche in den Abenteuern der Lebenswissenschaften, für viele im Cyberspace, in welchem auch Nationalstaaten zu Domain-Adressen herabgestuft sind. Und weil Amerika als dot.com oder harvard.edu auftritt, ist es heute überall und - nirgendwo. Umfragen unter jungen Deutschen bestätigen das diffus gewordene Amerikabild, was in der neuen "Ökonomie der Aufmerksamkeit", wie für jedes Thema, tödlich ist. Ungeachtet dessen sind die USA ein sehr beliebtes Ziel für Rucksacktouristen, Weekend-Shopper und Austauschschüler - nicht nur Christoph Daum kennt mittlerweile fünf Hotels in Orlando, Florida.
Auf die Gründe, warum sich Amerikas unbestrittenes Erfolgsmodell sozusagen zu Tode verbreitet hat, müssen wir zurückkommen. Zunächst soll noch ein junger Publizist auf der anderen Seite des Atlantiks zitiert werden, der sich über die große Zahl von Abhandlungen zur Frage "Europa und/versus/mit Amerika" wundert, die man immer noch in deutschen Zeitungen und Magazinen lesen kann. "Touching", ganz rührend fand er diese Zuneigung meist älterer Meinungsführer, die Amerika täglich für die deutsche Westbindung danken oder sich ihm als Gegner im Kulturkampf gegen McDonald's und Coca-Cola aufdrängen, womit die USA, im Guten wie im Schlechten, zum Maß der Dinge wurden. "Und das, obwohl Daimler Chrysler geschluckt hat, nicht umgekehrt, und Europas Handy-Ökonomie am Kapitalismus made in U.S.A. vorbeiziehen wird." Sagt einer, der es wissen muss: Der Kolumnist lebt von der euro-amerikanischen Differenz. Aber er ist fest davon überzeugt, dass sich zu beiden Seiten des Atlantiks Indifferenz durchsetzen werde. Es sei wie beim Waldsterben: Die Bäume treiben nochmals kräftig aus, bevor sie beim nächsten Stürmchen einknicken.
Üppige Buchgeschäfte, die gerade wieder auf der Frankfurter Messe getätigt wurden, und der Medienalltag in Kino, TV und www scheinen dagegenzusprechen. Der Löwenanteil der Übersetzungen findet weiterhin aus dem Amerikanischen statt, das auch die unangefochtene Lingua franca im Netz ist; der europäische Film ist etwas für die Programmkinos, und die Late-Night-Shows imitieren US-Vorbilder. Solche Impressionen mögen die erdrückende Vorherrschaft amerikanischer Anbieter in der globalen Kulturwirtschaft unterstreichen, nicht aber die politische Dominanz der USA. Amerikanisches wird übersetzt, gehandelt und im wahrsten Sinne des Wortes gegessen, aber die USA als solche werden dabei nicht mehr thematisiert. Quote und Bestseller kann man damit jedenfalls nicht mehr machen, und die Berichterstattung über den "Kampf um das Weiße Haus" wirkt wie Routine. Würde doch wenigstens Hillary Clinton gegen Colin Powell antreten, also die erste Frau oder der erste Schwarze vor den Türen des White House stehen ...
Jahrzehntelang waren Amerikaexperten aller Art gefragt. Als Zeitungs- oder TV-Korrespondent in Washington, D. C., als Sicherheitsberater mit besten US-Kontakten, als Professor in Stanford, selbst als Klatschnudel in Hollywood konnte man Karrieren krönen. Akademischen Austausch mit den USA pflegten die Westdeutschen mehr als mit allen anderen Gegenden der Welt, die Einrichtungen der DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft) florierten wie keine paradiplomatische Achse sonst. Der "große Teich" schien zum Tümpel eingetrocknet, so sehr hatten sich die Insider einander angenähert. Seltsame Metaphern kamen in Umlauf, ein Jargon transatlantischer Eigentlichkeit täuschte vor, dass die blendenden Beziehungen zwischen Bonn und Washington immer noch besser wurden.
Doch nach 1989 ließen die winds of change auch die Transatlantikbrücke nicht unberührt. An einigen Stellen steht sie heute sogar unter Wasser: Ein eingetragener Verein gleichen Namens, vom rührigen Walther Leisler Kiep geführt und gelegentlich von einem Waffendealer namens Karlheinz Schreiber frequentiert, ging an seiner pseudoelitären Arroganz zugrunde, und es ist kein Zufall, dass gleichzeitig das Deutsch-Amerikanische Akademische Konzil aufgrund seiner verschwenderischen Selbstbegünstigung geschlossen werden musste. Wenn solche Auguren über eine drohende Krise der transatlantischen Beziehungen orakelten, meinten sie also vor allem sich selbst, ein Old Boys' Network des Kalten Krieges, das die Abfahrt von der Transatlantikbrücke ins transnationale Regieren verpasst hatte. Der Nachwuchs in Denkfabriken und Amerika-Instituten reklamiert zu Recht einen Paradigmenwechsel.
Auch hier geht ein Teil des Systems Kohl zu Ende, und man fragt sich, was die Berliner Republik an die Stelle der transatlantischen Freunderlwirtschaft setzen wird. Als unlängst der Planungsstab des Auswärtigen Amtes ein hochkarätiges Panel einberief, schlug Karsten Voigt, der "Koordinator für die deutsch-amerikanische zwischengesellschaftliche, kulturelle und informationspolitische Zusammenarbeit" und einer der wenigen USA-kundigen Sozialdemokraten, vorsichtig neue Töne an: Er könne keinen "Kulturbruch" mit den USA erkennen und spüre auch keine Kontinentaldrift, vielmehr laborierten Europa und Amerika an identischen Problemen sozialer und militärischer Sicherheit, die man nur noch multilateral, als gleichberechtigte Akteure einer Weltinnenpolitik angehen könne. Unterschiede sollten nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden, man müsse jetzt auf Augenhöhe miteinander reden und streiten. Außenminister Fischer hat freilich gleich nach dem Amtsantritt gemerkt, wie es einem mit solchem Ansinnen ergehen kann: Als er die Nato-Doktrin vom atomaren Erstschlag ein bisschen infrage stellte, kam ein Donnergrollen aus Washington und Brüssel. Doch auch er blieb fixiert auf "Madeleines" State Department, kümmert sich zu wenig um das transnationale Netz der Nichtregierungsorganisationen und die Protestbewegung der "Seattle-Menschen" (Paul Krugman), die sich den Problemen widmen, die Amerikaner und Europäer gemeinsam haben - von gentechnisch behandelten Lebensmitteln bis zum ungehinderten Zugang zum Internet.
Hier kommt der Generationswechsel in den transatlantischen Beziehungen ins Spiel: Die Älteren, denen man die US-Erfahrenheit schon habituell anmerkt, behaupten, sie seien "selbstverständlich" mit Amerika aufgewachsen, und beklagen, dass das für die Jüngeren nicht mehr gelte. Die halten freilich dagegen, genau diese Überidentifikation beweise, wie wenig selbstverständlich und wie ungleich das deutsch-amerikanische "Paar" bisher war. Sie kennen Amerika aus dem Effeff, durch direkte Anschauung oder aus Film & Fernsehen, folglich müssen sie nicht so viel Aufhebens davon machen: So what?!
Die Flakhelfer-Generation, die als Politiker und Unternehmer, als Journalisten und Akademiker wie keine zweite auf freedom & democracy eingeschworen war, hatte ein ebenso ambivalentes Verhältnis zur westlichen Vormacht wie die anschließende Vietnam-Generation der Achtundsechziger, die Stars & Stripes in Flammen aufgehen ließ und Amerikahäuser attackierte. Die älteren Erbauer der Bundesrepublik, die des Englischen kaum mächtig waren und denen man amerikanische "Negermusik" madig gemacht hatte, mussten binnen kürzester Zeit Nazi-Schwerter zu Nato-Pflugscharen umschmieden und damit den deutschen Sonderweg in eine anfangs höchst unpopuläre Westbindung überführen. Und die jüngeren Vollender der Bonner Republik standen in Opposition zur Außenpolitik eines Landes, dessen Subkultur sie doch in vollen Zügen inhaliert hatten und imitierten. Kaum jemand in der deutschen Geschichte war so amerikafreundlich wie die bekehrten Hitler-Jungen, und selbst die rabiatesten Antiamerikaner praktizierten am Ende eine Spielart des American Way of Life.
Daran und an der Bindung an westliche Demokratie und "Leitkultur" gibt es nichts auszusetzen. Aber wie so oft bei Konvertiten waren Leidenschaften und Projektionen im Spiel, die den Nachgeborenen nun etwas übertrieben vorkommen. Geradezu exaltiert klingt in ihren Ohren der DAF-Jargon falscher Vertraulichkeit, aber auch die Panikmache. Let's face it: Die alte Garde hat ihre Mission erfüllt, die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind ein Selbstläufer geworden, aber nur noch ein Verhältnis der Weltgesellschaft unter anderen. Mal schauen, was in Polen oder Portugal läuft.
Die Reagan-Ära hat eingeleitet, was rückblickend weniger als "transatlantischer Kulturbruch" (Werner Weidenfeld), also als Identitätskonflikt zu beschreiben ist, sondern eher als Keim eines euro-amerikanischen Interessengegensatzes, der nach dem Fall der Mauer erst richtig deutlich geworden ist. Ronald Reagan hätte eigentlich der Held der deutschen Wiedervereinigung sein können. Denn er sprach einen Satz aus, den sich sonst keiner in den Mund zu nehmen traute: "Mr. Gorbatschow, reißen Sie die Mauer nieder!" Die überraschende Zuneigung zur deutschen Nation wurde jedoch durch zwei andere Elemente der neokonservativen Politik getrübt: durch die atomare Aufrüstung, die Hunderttausende auf die Straßen trieb und Ost- und Westdeutsche wohl stärker miteinander verband als alle Vaterlandsliebe, und durch die aggressive Marktvergötzung. Von Ronald Reagan stammt ja auch der Satz, der Staat sei nicht die Lösung des Problems, er sei vielmehr selbst das zu beseitigende Problem. Eine rechtslibertäre Welle stellte den kontinentaleuropäischen Wohlfahrtsstaat zur Disposition und setzte den alten Gegensatz zwischen Sozialismus und Kapitalismus sozusagen inneratlantisch fort.
Sicher wirkte diese amerikanische Herausforderung, wie schon so oft, als Weckruf und weichte Verhärtungen der Sozialsysteme in Europa auf; auch gab sie einen Impuls zur europäischen Währungsunion. Doch so überlegen, wie es übereifrige Wirtschaftsjournalisten und Chefvolkswirte ausmalen, ist der amerikanische Kapitalismus keineswegs, nüchtern betrachtet nicht einmal auf dem Arbeitsmarkt. Jeder gerechte und methodisch saubere Vergleich beweist das, und wenn die Aufregung um die New Economy abgeebbt ist, werden, auch in sozialpolitischer Hinsicht, die Proportionen zwischen Europa und Amerika wieder zutage treten. Es gibt jedenfalls keinen Grund, sich amerikanischerseits weiterhin schulmeistern zu lassen.
Die unter Reagan begonnene und durch Clinton fortgesetzte Verlagerung des Schwerpunkts von der Außenpolitik auf die Außenwirtschaft, von Washington nach Wall Street und Silicon Valley, ist ein weiterer Grund, weshalb die US-Politik und eine an sich spannende Wahl (vor allem zum Kongress!) nicht mehr die alte Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Warum sollten sich die Europäer für einen durchinszenierten Wahlkampf interessieren, dem auch die Mehrheit der amerikanischen Bürger ein Football-Match oder eine Seifenoper vorzieht? Wieso sollten wir eine Wahl hoch schätzen, der die Hälfte der Berechtigten fern bleibt?
Das Interesse an den USA hat sich von der "alten" Politik auf die "junge" Wirtschaft verlagert, und diese ist global geworden, was den Rahmen konventioneller internationaler Beziehungen sprengt. "Transnationales Regieren" steht spätestens seit 1989 auf der Tagesordnung und damit eine nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle und politische Globalisierung, die nicht derart steuerungslos, sozial ungerecht und ökologisch fatal vorantreibt, wie Bush Junior dies im Wahlkampf in unerträglicher Ignoranz in Aussicht stellte. Da dies in der Tat keine inneren Angelegenheiten der Vereinigten Staaten sind, provoziert die Arroganz der Macht umso mehr, ist eine Relativierung des amerikanischen Modells angebracht, wird Europa sich stärker mit sich selbst beschäftigen als bisher. Nicht Leitkulturen prallen hier aufeinander, eher kristallisieren sich Interessengegensätze zwischen Euroland und USA heraus. Diese werden kaum abflauen, solange auch Reagans Nachfolger einen Mini-"Krieg der Sterne" für geboten halten, solange sie multilateralen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der OSZE die kalte Schulter zeigen und sie auch bedenkenlos Wirtschaftsspionage und Informationsimperialismus gegen ihre Verbündeten treiben. Oder den von der deutschen Regierung vorgeschlagenen Kandidaten für den Chefposten des Weltwährungsfonds wegmobben und in Berlin den Verkehr regeln wollen.
Dass die Innenpolitik der Vereinigten Staaten nicht mehr die alte Faszination auslöst und der 7. November ein Tag wie jeder andere sein wird, liegt schließlich auch daran, dass sich Amerika auf sich selbst zurückzieht. Das zeigt sich nicht allein an seiner Abneigung gegen kollektive Sicherheitssysteme und ein politisch besser kontrolliertes Weltfinanzsystem, sondern auch in seiner politischen Kultur, die ihre altbackenen Züge niemals verloren hat. Mit Erstaunen vernahm man im zweiten "Fernsehduell" zwischen Al Gore und George W. Bush, dass der Texaner seine Landsleute zu größerer Demut und mehr Bescheidenheit in der Welt auffordert und den Vizepräsidenten damit zum interventionsgeilen Internationalisten hochstilisierte. Von diesem Rückzug träumt nicht nur die politische Klasse, die mit einer immer noch wachsenden Verachtung für den "Beltway", die Bundesregierung in Washington, D. C., zu kämpfen hat. Tocquevilles Amerika des frühen 19. Jahrhunderts, kleinräumig und gottesfürchtig, unternehmungslustig und freiheitsliebend, aber zu Abenteuern in aller Welt nicht gerade aufgelegt - diesen Mythos haben auch viele Amerikaner im Sinn. Der Grund ist derselbe, den junge Europäer im Blick auf die unspektakuläre Vormacht der US-Wirtschaft und der von Amerika ausgegangenen, aber dort nicht mehr beheimateten populären Massenkultur nennen würden: dass keine großen Differenzen mehr zum Rest der Welt erkennbar sind. Gewiss war Amerikas Mission immer darauf gerichtet, die Welt nach seinem Bilde zu formen. Aber zugleich war die amerikanische Nation auch bemüht, ihre Einzigartigkeit zu bewahren. Und ein großer Teil von dem, was die Amerikaner wirklich berührt, ist in der abgelaufenen Präsidentschaftskampagne nicht einmal erwähnt worden.
Claus Leggewie lehrt Politikwissenschaft an der Universität Gießen. Der 1950 geborene Forscher und Publizist ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu Politik und Gesellschaft in Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten. Vor wenigen Wochen erschien sein neues Buch "Amerikas Welt: Die USA in unseren Köpfen" im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




