Erste Strophe: Als der Protestsänger Bob Dylan 1969 zusammen mit dem Nixon-Bewunderer Johnny Cash auftrat, war die Empörung groß, die Verwirrung nachhaltig. Nichts beunruhigt den musikalischen Leitartikler mehr als ideologische Überläufer. Die Verunsicherung wuchs, als durchsickerte, Bob Dylan sei ein lebenslänglich unbelehrbarer Bewunderer von Johnny Cash, gar stolz, mit ihm Girl From The North Country im Duett zu singen. Die folgende Platte nannte Dylan nicht grundlos Nashville Skyline, sie wurde zu seinem erfolgreichsten Album, für das Johnny Cash zudem den Plattentextschrieb. Wer hatte da was falsch verstanden? Amerikanische Paradoxien oder, wie Johnny Cash meint: "Ich muss meine verschiedenen Seiten nicht miteinander aussöhnen."

Zweite Strophe: Während im Verlauf der achtziger Jahre die Zeitgeistjournalisten den Musikgeschmack politikfrei polierten, suchten Rebellen und gefallene Engel des Untergrunds wie Nick Cave oder Lydia Lunch im Flachland der Country-Musik nach dem Gesang der Erlösung. In der Tiefe des Südens fanden sie dann Mord, verzweifelte Liebe und einen strafenden Gott. Das zweite Gesicht der Country-Musik tauchte wieder auf, jenes Erbe, das sich in den finsteren Volksliedern der Hinterwäldler versteckt, in den Balladen von Mördern und Dieben verbirgt. Und endlich erschien er in den neunziger Jahren dann persönlich: der fast vergessene Johnny Cash, stand als The Man in Black mit langem Mantel und schwarzem Gitarrenkoffer vor dem Kornfeld des Herrn, sang in seinen American Recordings über Verdammte und Entrechtete, über das Beast In Me, über The Man Who Couldn't Cry.

Strophe drei: Es ist der Outlaw in ihm, der ihn zum düsteren Paten aller Rock-Rebellen macht, und es sind deren Lieder, die Johnny Cash wieder ins Rampenlicht zurückbrachten. Als der wildwuchsbärtige HipHop-Produzent Rick Rubin 1994 die zweite Karriere von Johnny Cash mit der CD American Recordings initiiert und 1996 mit Unchained fortsetzt, übernimmt Big John eine Funktion, die vor ihm nur Iggy Pop - Pate des Punk - und Neil Young - Pate des Grunge - eingenommen hatten: von den Alten Glaubwürdigkeit lernen. Und nun erscheint Teil drei der Trilogie: Solitary Man, ein Album, das der Parkinsonschen Krankheit abgerungen wurde, die Cash 1997 zum Rückzug aus der Öffentlichkeit zwang, Musik, die der pflichtschuldigst totgesagten Authentizität wieder seine Stimme gibt.

Refrain: "Well I won't back down / You can stand me up at the gates of Hell / but I won't back down ..." ,und der sonore Bariton vibriert, der Song von Tom Petty gewinnt alles Gewicht der Welt, "... in a world that keeps on pushing me around ...", und eine rissige Haut überzieht zum ersten Mal diese tiefste aller tiefen Stimmen: "Hey baby, there ain't no easy way out." Der Unbeugsame hat nur dieses eine Leben, und er wird sich - so kurz vor Torschluss - nicht ändern.

Singalong: Johnny Cashs Haltung könnte mit dem John Wayne-Syndrom verwechselt werden, jenem Besiegt-aber-nicht-geschlagen-Macho-Kult, dem Westerner, der seine Satteltaschen selbst trägt. Aber sie kommt aus der Geschichte eines Mannes, der zwar weiß, welche drei Akkorde er beherrscht, der aber nie vergisst, mit welchen Teufeln er ein Leben lang zu kämpfen hatte. Als das "Quartett" aus Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins und Johnny Cash 1955 in Memphis bei Sun Records reüssiert, scheidet der Letztere nach einer Single (Cry, Cry, Cry) bald wieder aus. Der Eigentümer von Sun Records, Sam Phillips, weigerte sich, Johnny Cash eine Gospel-Platte aufnehmen zu lassen. Den religiösen Sänger drängt es auch später immer wieder, Prediger zu werden, sein Freund, der abgrundtief gehasste Billy Graham, rät ihm ab, er solle den Menschen das geben, was er wirklich könne: singend, als Man In Black und Man In White. Johnny Cash (1): "Für mich ist Gott jemand, der den Südstaatenakzent mag und Country-Musik akzeptiert." Johnny Cash (2): "Zu Zeiten bin ich wie eine Stimme, die verirrt in der Wildnis heult, doch manchmal erkenne ich, worauf es ankommt, und weiß, wovon ich singe: von brüderlichem Teilen, Lob, Anbetung, Wunder und Weisheit."

Doch die Rock-Gemeinde trägt Johnny Cash (3) im Herzen: den Sänger von I Walk The Line und Folsom Prison Blues, jenen Mann, der jahrzehntelang drogensüchtig war, nur mehr 70 Kilo wog, siebenmal verhaftet wurde, Tabletten in offenen Wunden versteckte und das Holz mit den Fingern von der Wand kratzte, weil er ein Klappbett sah, wo keines war. Und es ist sein frühes Engagement für alle, die von Staat und Gesellschaft vergessen werden - Indianer, Aids-Kranke, Zuchthausinsassen. Er handelt nicht aus politisch korrekter, bei Bedarf einklagbarer Position, sondern im Bewusstsein, in der Nachbarschaft zu leben. "Big John singt wie der Dieb, der neben Christus gekreuzigt wurde", schreibt Bono, der Sänger von U2, im Text zur Anthologie God-Love-Murder, "er singt nicht für die Verdammten, er singt mit den Verdammten, und manchmal hat man das Gefühl, dass er deren Gesellschaft vorzieht."

Cash zahlt jetzt den Vorschuss zurück: an Rick Rubin, der ihn aus den Harmoniegesängen des Familien-Clans befreit und wieder auf das archaische Modell des weißen Bluessängers mit Gitarre und Stimme reduziert hatte. Der nun 68-jährige, schwer kranke, doch langsam wiederauferstehende Cash schließt mit American III: Solitary Man den Kreis. Ob es Songs von Tom Petty, Neil Diamond, Bono oder Nick Cave sind, Traditionals der Jahrhundertwende oder Cashs & Carters von 1999 - mit jedem Kratzer seiner Stimme gräbt er noch tiefer ins Innere. Nun also gehören diese Songs ihm. Ein drittes Leben, das selten zu hören ist.