L I T E R A T U R Ach, Ashley!
Zum 100. Geburtstag von Margaret Mitchell
Die erste Autodroschke fuhr in Berlin, die Frauen trugen Quasten und Cul, gerade war Freuds Traumdeutung erschienen, der deutsche Verein für Volkshygiene wurde gegründet, da kam in den Südstaaten Amerikas am 8. November 1900 die Frau auf die Welt, die eines Tages Scarlett O'Hara erfand: Margaret Mitchell. War unbekannt als Reporterin im Lokalblatt, wurde weltberühmt als Autorin des Romans Vom Winde verweht, des Wälzers über die traumatische Kränkung des Südens, den im Bürgerkrieg die demokratischen Nordstaaten besiegten.
Bei dem einen Buch blieb es, es war ja auch alles gesagt. Vom Winde verweht, das war der seltene Fall einer millionenfach wirksamen Frauenfantasie, dem Kopf der Journalistin Mitchell entsprungen in einer Zweizimmerwohnung im Backstein der Pfirsichstraße Atlantas. Die erste Ehe war kaputt und die Frau immer noch jung, so begann sie, auf ihrer schwarzen Remington 2000 Manuskriptseiten zu tippen, die Kränkung des Südens musste raus, aufs Papier, sechs Jahre lang, bis die Autorin 1932 fertig war und das Resultat am liebsten keinem gezeigt hätte. War ja auch unerhört geworden, diese Scarlett, die den demokratischen Yankee auf der Treppe des väterlichen Landsitzes erschoss, die betrunken war, als Rhett Butler sie küsste, und die um ihrer Taille willen keinesfalls noch ein Kind wollte. "Ach, Ashley", seufzte sie verdrossen jenem empfindsamen Verlierer nach, den sie liebte und nicht verstand, und kriegte ihre Kinder dann eben von ungeliebten Männern, die in ihre Strategie, den Boden zu verteidigen, gefügiger passten. Ein unanständiges Machtweib, das eine Lokalreporterin aus Atlanta das Fürchten lehren konnte. Hätte die es nicht selbst erfunden.
Der Roman kam unters Volk, eine halbe Million Exemplare gleich in den ersten Monaten, bis heute Abermillionen weltweit, auch eine 30-bändige Ausgabe in Blindenschrift ist zu haben. Lange bevor wir Freuds Traumdeutung lasen, hatten wir auch im humanistischen Gymnasium, mitten in den demokratischen siebziger Jahren, jedes Wort über Scarlett inhaliert. Waren von Onkel Toms Hütte belehrt, wussten um die Sklavenhalterei der Plantagenbesitzer, konnten auch wissen, dass die schwarzen Schauspieler des Films noch 1939 keinen Zutritt zu dem Hotel bekamen, in dem die Filmpremiere gefeiert wurde. Und lasen doch gierig jener Scarlett hinterher, dem "ersten weiblichen Charaktermonster der Literaturgeschichte, das alle in ihre empfindsamen Herzen schließen" (Elke Schmitter).
Als Margaret Mitchell 1949 von einem Taxi überfahren wurde, in jener Pfirsichstraße, blieben ihre Frauenfantasien am Leben. Die haben wir erst nach der Traumdeutung besser verstanden. Aber, ach, Ashley, ist morgen nicht auch noch ein Tag?
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







