Kopf an Kopf
USA wählen Präsident und Kongress
Als erste Bürger der USA gaben traditionell bereits nach Mitternacht die Einwohner in den Dörfern Dixville Notch und Hart's Location im Bundesstaat New Hampshire ihre Stimmen ab. Dabei erreichte Bush mit zusammen 38 Stimmen einen Minisieg vor Gore mit 18. Auf den Grünen-Kandidaten Ralph Nader entfiel eine Stimme. Auch vor vier Jahren hatte der republikanische Spitzenbewerber, Robert Dole, in den beiden Ortschaften die meisten Stimmen vor dem "Titelverteidiger" und späteren Wahlsieger Bill Clinton erhalten.
Als erster großer Bundesstaat öffnete New York um sechs Uhr morgens (12 Uhr MEZ) seine Wahllokale. Nur eine Stunde später folgten bereits Florida, Michigan und Pennsylvania, die als möglicherweise entscheidend für den Wahlausgang galten. Wegen der Zeitverschiebung zwischen der Ost- und Westküste stand die Schließung der letzten Wahllokale - darunter im bevölkerungsreichen Kalifornien - erst um fünf Uhr morgens MEZ am Mittwoch an.
Sowohl Bush als auch Gore zeigten sich zum Wahlauftakt siegessicher. Vor allem der texanische Gouverneur äußerte sich zuversichtlich und verhieß, dass er bereits geraume Zeit vor Mitternacht seinen Sieg verkünden könne. Beide Kandidaten hatten den Wahlkampf mit einem furiosen Endspurt durch besonders umkämpfte Bundesstaaten beendet. So warb Gore über 30 Stunden lang ohne Schlaf in elf verschiedenen Städten um Wählerstimmen. Noch um vier Uhr am Dienstagmorgen trat er in Tampa (Florida) auf. Das Wahlergebnis wartete er dann in seinem Heimatstaat Tennessee ab. Bush war schon Montagnacht in die texanische Hauptstadt Austin zurückgekehrt.
Besonderes Augenmerk galt am Dienstag dem Abschneiden Naders. Er hatte es trotz starken Drängens abgelehnt, seine Kandidatur zu Gunsten Gores aufzugeben. Es wurde befürchtet, dass er dem demokratischen Spitzenbewerber in einigen Bundesstaaten viele Stimmen entziehen und damit Bush zum Sieg verhelfen könnte.
In den USA wählt das Volk den Präsidenten nur indirekt. Entscheidend ist der Sieg in den einzelnen Bundesstaaten. Diese entsenden je nach der Bevölkerungszahl Vertreter in ein Wahlgremium, die dann traditionell für jenen Kandidaten votieren, der in dem betreffenden Staat gewonnen hat. Mindestens 270 von 538 Stimmen in diesem Gremium muss ein Kandidat erobern, um Präsident zu werden.
Während beide Kandidaten ihren "Wahlsprint" beendeten, griff Präsident Bill Clinton zum Telefon, um in letzter Minute noch einmal Wähler zu mobilisieren. Den Wahlabend wollte er an der Seite von seiner Frau Hillary Clinton in New York verbringen, die sich dort ein enges Senatsrennen mit dem republikanischen Kongressabgeordneten Rick Lazio geliefert hat und mit einem knappen Vorsprung in die Wahl ging. Es war die erste Kandidatur einer First Lady in der US-Geschichte.
Insgesamt stand im US-Senat, der kleineren Kongress-Kammer, die Wahl von 34 der 100 Mitglieder an. Dagegen wurde das 435-köpfige Abgeordnetenhaus völlig neu gewählt. Die Demokraten hofften, zumindest im Repräsentenhaus die 1994 verlorene Mehrheit zurückzuerobern. Dazu müssten sie sechs bis sieben Sitze hinzugewinnen. Das galt als möglich, aber ungewiss. Im ebenfalls republikanisch beherrschten Senat wurden ebenfalls Zuwächse der Demokraten erwartet, aber ein Mehrheitswechsel wurde für eher unwahrscheinlich gehalten.
Da in diesem Jahr eine Rekordzahl der Amerikaner von der Briefwahl Gebrauch gemacht hat, galt es als möglich, dass die Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses erst in einigen Tagen feststeht. Trotz Rekordausgaben von insgesamt mehr als drei Milliarden Dollar für die diesjährige Wahlschlacht wurde insgesamt erwartet, dass allenfalls die Hälfte der 205 Millionen Wahlberechtigten abstimmt.
7. November 2000; 15: 24 Uhr
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